The Blizzards
Der Star-Club Hamburg, seinerzeit der berühmteste Beat-Club der Welt. existierte bekanntlich von 1962 bis 1969. Fast genau zeitgleich bestand die Beat-Band THE BLIZZARDS aus Stade bei Hamburg, die damals zu Ansehen weit über die Grenzen der Bundesrepublik Deutschland hinaus gelangte. Sie wird in der alphabetischen Aufstellung der im "Treffpunkt der Welt-Elite" engagierten Akteure zwischen den berühmten Namen ihrer seinerzeit eigenen musikalischen Vorbilder wie z.B. CHUCK BERRY, LITTLE RICHARD, FATS DOMINO oder THE BEATLES genannt und im grossen Ultimus-Musiklexikon aufgeführt. Der All Music Guide charakterisiert ihren Stil als Merseybeat.
Offiziell gegründet wurde die Gruppe am 11. November 1961 von GERNOT SCHÄFER (g, b), DIETER MEYER (dr) und JOACHIM BEUTLER (lg) als Trio. Zuvor schon gab es etliche Auftritte von wechselnden Formationen um diese drei Musiker. Zu denen gehörten u.a. JOST "MAC" SCHNEIDER (dr, später THE MINSTRELS), GERD "JERRY" DETHLEFS (rg), HORST GEORGE (g, b) und JÜRGEN NEHRKE (rg). Mit Beitritt von JERRY DETHLEFS als ständigem Bandmitglied wurde am 1. Januar 1962 aus dem Trio ein Quartett in der klassischen Beatband-Besetzung Solo-, Rhythmus-, Bass-Gitarre und Schlagzeug. Ende 1962 erfolgte mit Beginn dauerhafter Band-Zugehörigkeit von HORST GEORGE und JÜRGEN NEHRKE eine Erweiterung zum Sextett. Alle genannten Musiker waren gleichzeitig Sänger. In dieser Formation bestand die Band bis zum Ende desselben Jahres, an dem GERNOT SCHÄFER sich aus privaten Gründen für eine Weile von der Bühne verabschiedete.
Als der Hamburger Bandvermittler HANS RICHTER im Sommer 1963 das Management der nun fünfköpfigen Gruppe übernahm, hatte diese schon einige erfolgreiche Engagements in Bremerhaven und Hamburg hinter sich. Plötzlich aber dehnte sich das Aktionsgebiet der Stader Band bis hoch zum STAR PALAST Flensburg nahe der dänischen Grenze aus. Nachdem der sympathische und engagierte Manager Anfang 1964 auf der Fahrt zu seinen in der Elbhalle Hamburg gastierenden BLIZZARDS durch einen tragischen Unfall verstarb, übernahm sein Partner PETER KOCH, auch Saxophonist und Bandleader der Tanz- und Showband VALENDRAS, die weitere Bandvermittlung. Eine Unterbrechung von fast genau drei Jahren in der Mitgliedschaft bei den BLIZZARDS ergab sich im April 1964 für JERRY DETHLEFS, als er seinen Einberufungsbescheid zum Militärdienst erhielt. Am 1. Juli 1965 musste auch DIETER MEYER zur Bundeswehr einrücken. Das bedeutete für ihn den traurigen, endgültigen Abschied von der vom ihm mitgegründeten Band. Aber zumindest seine Fans in nicht zu weiter Entfernung um seinen Kasernen-Standort Stade konnten ihn schon rasch wieder an den Wochenenden live auf der Bühne erleben. Er hatte sich als Drummer seinen alten Freunden GERNOT SCHÄFER und JERRY DETHLEFS in einer neuen Formation der 1963 gegründeten Gruppe THE BEATNICS angeschlossen. Als Nachfolger für DIETER MEYER bei den BLIZZARDS wurde der ebenfalls sehr talentierte Hamburger Schlagzeuger HORST KUPCZYK ausgewählt.
Als besondere Stationen im Werdegang der BLIZZARDS zeigten sich ihre Live-Auftritte auf dem SCANDINAVIAN BEAT FESTIVAL 1965 im HITHOUSE COPENHAGEN, auf dem ihre 2000 bzw. 2001 neu veröffentlichten Titel "Hang On Sloopy", "Mr. Goofy" und "You Really Got Me" mitgeschnitten wurden, TV-Live-Sendungen wie "Aktuelle Schaubude", "Drehscheibe" oder "Beat-Special The Blizzards and The Rattles", ihr zweitägiges Engagement mit den seit "The Sun Ain´t Gonna Shine Anymore" weltberühmt gewordenen WALKER BROTHERS im Star-Club Hamburg sowie live übertragene Interviews bei Europawelle Saar, Radio Luxemburg oder Deutschlandfunk Köln. Instrumental sowie gesanglich begleiteten die BLIZZARDS u.a. PETER KIRCHBERGER (später Dirty Dogs, Rudolf Rock & Die Schocker), DRAFI DEUTSCHER, SUZANNE DOUCET, DAVY JONES, TONY CAVANAUGH und HOWARD CARPENDALE.
Erste Probeaufnahmen für Schallplatten mit den BLIZZARDS gab es bereits 1962. Sie führten jedoch zu keinem Vertrag, weil dem Manager im Hamburger DECCA-Studio der Stil der Gruppe "zu hart, zu laut, zu englisch" war. Er bat nachdrücklich um softeren Beat mit deutschen Texten. Aber erst zwei Jahre später konnten sich die eigentlich begeisterten Rock'n'Roller dazu entschliessen, auf solche Wünsche einzugehen.
Im Sommer 1964 wurden die BLIZZARDS während ihrer Teilnahme an dem von United Artists Film initiierten Wettbewerb "Wir suchen die Hamburger Beatles" im Star-Club Hamburg von dem Produzenten SIEGFRIED E. LOCH "entdeckt" und zu Schallplatten-Aufnahmen nach seinen Vorstellungen verpflichtet. So entstand die erste Single mit deutschen Texten unter dem STAR-CLUB Label.
Es folgten weitere Singles, eine LP und verschiedene Sampler bei PHILIPS / FONTANA und DECCA. Einige davon wurden mit instrumentaler Erweiterung durch die Saxophonisten HOWIE CASEY und JOHN PHILIPS (beide Top Ten Allstars), KLAUS DOLDINGER alias PAUL NERO (Piano), INGFRIED HOFFMANN (Orgel) und JIMMY DOYLE (Schlagzeug) aufgenommen.
Besonders stark beachtet wurde die LP "I´m Your Guy" in Skandinavien und im United Kingdom. "Wie gewonnen, so zerronnen" war oft gespielter Song bei dem damals in der Bundesrepublik, aber ebenso in der "DDR", populärsten Musiksender RADIO LUXEMBURG. Als "echter Renner" hob sich die Single "Hab' keine Lust, heut aufzustehn" weit hervor. Sie stand wochenlang auf vordersten Plätzen deutscher Charts und wurde von vielen Radio-Moderatoren gern als "Morgengruss" an die Hörer verwendet. Letzteren Titel hörte der Mitgründer der ersten BLIZZARDS als Quartett, JERRY DETHLEFS, erstmalig während einer Wehrübung in der Lüneburger Heide aus einem Transistor-Radio. In seiner Zeit beim Militär trat er, wie schon erwähnt, mit seinen Kollegen aus der Anfangszeit, DIETER MEYER und GERNOT SCHÄFER in der Gruppe THE BEATNICS auf, anschließend mit den ebenfalls hauptsächlich durch den Star-Club bekannt gewordenen MINSTRELS. Im März 1967 wechselte er schließlich wieder zu den BLIZZARDS zurück.
Trotz aller Erfolge bei ihren Live-Auftritten zwischen Kopenhagen und Luxemburg sowie Bündeln von Fanpost nach Radio- und Fernseh-Übertragungen gelang es ihrem Produzenten nicht, seine Favoriten für wochenlange PR-Touren durch In- und Ausland zur Aufgabe ihrer Universitäts-Studien oder sicheren Hauptberufe zu bewegen. So blieb es dann bei insgesamt 31 veröffentlichten Titeln.
Genau am letzten Tag des 1960er-Jahrzehnts verabschiedeten sich die BLIZZARDS aus der Musik-Szene. Dieses steht jedoch in keinem Zusammenhang mit der zeitgleich am 31.12.1969 erfolgten endgültigen Schliessung des Star-Club Hamburg. Es war bereits Monate vorher sicher, dass HORST GEORGE und JÜRGEN NEHRKE Anfang 1970 als Lehrer nach Chile bzw. Sardinien gehen würden.
1983 bejubelte die Presse einen Zusammenschluss der beiden Ursprungsmitglieder DIETER MEYER und JERRY DETHLEFS mit zwei weiteren aus der 60er-Beat-Szene regional noch gut bekannten Musikern, DITMAR RIESLING (MINSTRELS) und HORST WERNER (BEATNICS), als "Riesen-Comeback der BLIZZARDS". Das Klangbild der neuen Gruppe unterschied sich allerdings von dem der letzten vorherigen Formation. Die neuen BLIZZARDS, zu deren in den 80er Jahren mehrmals wechselnden Besetzungen auch Freddy Kolossow von früher Mama Betty's Band gehörte, waren "back to the roots" gekehrt, spielten vorrangig Rock'n'Roll-Klassiker von Buddy Holly, Chuck Berry, Little Richard, Eddie Cochran, Fats Domino und Jerry Lee Lewis.
GERNOT SCHÄFER, ehemals Bahnbeamter, dann Inhaber eines Floristik-Unternehmens, verstarb 2001. JOACHIM BEUTLER war in Hamburg als Psychologe beschäftigt. HORST GEORGE, ehemaliger Honorarkonsul und Schulleiter in Osorno, Chile, ist heute noch sehr engagiert als Direktor einer Tierschutz-Organisation in Puerto Montt. JÜRGEN NEHRKE unterrichtete bis zu seiner Pensionierung als Lehrer an einer Schule in Drochtersen. HORST KUPCZYK war bis zu seinem Rentenalter Kraftfahrzeug-Mechaniker in Hamburg. JERRY DETHLEFS, auf Bühnen letztmalig aktiv 1998, war bis 2004 hauptberuflich Fitness- und Reha-Lehrer in Stade, arbeitete als Trainer auch in Portugal oder auf Teneriffa. Dieter Meyer verlegte als Pensionär 1997 seinen Wohnsitz nach Kuala Lumpur, Malaysia, ist dort heute noch in der Musik aktiv. (Informationsstand vom Februar 2007)