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Der kleine Garten

Es war einmal ein kleiner Garten, der war ganz aufgeregt. Er sollte heute nämlich zum ersten Mal in den Kindergarten gehen. Das heißt, in den Gartenkindergarten. Ganz aufgeregt machte er sich auf den Weg. Und ganz vorsichtig auch, schließlich wollte er nicht von einem Auto angefahren werden. Früher hatte es nicht so viele Autos gegeben, das hatte ihm sein Großvater erzählt. Damals war es aber auch nicht so einfach gewesen für die kleinen Gärten, auf die Straße zu gehen. Das hatte der Großvater gesagt: damals kam immer irgend so ein Pferd und wollte an einem fressen.

Doch Pferde gab es heute nicht mehr auf den Straßen, und die Autos ließen den kleinen Garten in Ruhe. So kam er in den Gartenkindergarten. Da waren schon andere kleine Gärten, und sie waren alle aufgeregt. Die Kindergartentante nahm sie in Empfang und schaute, ob auch keiner Unkraut mitgebracht hätte. Dann durften sie miteinander spielen. In der Pause aßen die kleinen Gärten ihre Frühstücksbrote. Die hatten sie von zuhause mitgebracht. Zum Nachtisch aßen sie Obst, das hatten sie sowieso meistens dabei. Dann sangen sie ein Lied, "Alle Gärten sind schon da", oder sonst etwas Passendes.

Und was sie so spielten? Einer der kleinen Gärten hatte eine Sandkiste, und dort spielten sie alle sehr gern. Oder sie spielten Fangen und rannten dabei so, daß die Blumen wackelten und die Bäume sich festhalten mußten. Am liebsten aber spielten sie mit der Eisenbahn. Die gab es im Gartenkindergarten, und die kleinen Gärten bauten sie auf und schickten die Züge von einem kleinen Garten in den anderen. Die Kindergartentante paßte auf, daß es keinen Zusammenstoß gab und daß die kleinen Raupen und Käfer an den Bahnübergängen schön warteten, wenn ein Zug kam.


Der Krämer und die Maus

Vor langen Jahren ging ein armer Krämer durch den Böhmerwald gen Reichenau. Er war müde geworden und setzte sich, ein Stückchen Brot zu verzehren; das einzige, was er für den Hunger hatte. Während er aß, sah er zu seinen Füßen ein Mäuschen herumkriechen, das sich endlich vor ihn hinsetzte, als erwartete es etwas. Gutmütig warf er ihm einige Bröcklein von seinem Brot hin, so not es ihm selber tat, die es auch gleich wegnagte. Dann gab er ihm, solang er noch etwas hatte, immer sein kleines Teil, so daß sie ordentlich zusammen Mahlzeit hielten. Nun stand der Krämer auf, einen Trunk Wasser an einer nahen Quelle zu tun; als er wieder zurückkam, siehe, da lag ein Goldstück auf der Erde, und eben kam die Maus mit einem zweiten, legte es dabei und lief fort, das dritte zu holen. Der Krämer ging nach und sah, wie sie in ein Loch lief und daraus das Gold hervorbrachte. Da nahm er seinen Stock, öffnete den Boden und fand einen großen Schatz von lauter alten Goldstücken. Er hob ihn heraus und sah sich dann nach dem Mäuslein um, aber das war verschwunden. Nun trug er voll Freude das Gold nach Reichenau, teilte es halb unter die Armen und ließ von der andern Hälfte eine Kirche daselbst bauen. Diese Geschichte ward zum ewigen Andenken in Stein gehauen und ist noch am heutigen Tage in der Dreieinigkeitskirche zu Reichenau in Böhmen zu sehen.


Der Marienkäfer

Plumps! machte es, als der Marienkäfer vom Apfelbaum fiel.
"Ich werde nie fliegen lernen!" seufzte er. "Nie!"
"Doch, du wirst es lernen, wenn du alt genug dafür bist", sagte der Specht.
"Ach, so lange kann ich doch nicht warten!" rief der Marienkäfer. Der Specht lachte.
"Ich werde das Datum, an dem du zum ersten Mal fliegst, in den Stamm deines Apfelbaumes ritzen", sagte er.

Plötzlich kam ein Taschentuch angeflattert.
"Das muß der Wind weggeblasen haben!" sprach der Specht. "Komm, ich habe eine gute Idee!" Und damit wickelte er den Marienkäfer ins Taschentuch und flog hoch in die Luft. Dort ließ er das Taschentuch los und rief: "Nun flieg mal!"
"Oh, ich kann nicht!" rief der Marienkäfer ängstlich. "Meine Flügel tun weh, ich falle!" Und schon landete er auf einer Wolke.
"Ich kann nicht halten", sagte da eine tiefe Stimme. "Ich nehme an einem Wettkampf teil ... ein Wolkenkampf. Wir sind schon nahe am Ziel."
"Schön!" sagte der Marienkäfer erleichtert, "du hast mich gerettet, darum will ich dir auch helfen."
Und er hielt das Taschentuch wie ein Segel in den Wind. Bald holten sie die anderen Wolken ein und gewonnen sogar den ersten Preis.
"Das ist dein Preis", sagte die Wolke und überreichte dem Marienkäfer die große rote Rosette. "Ohne dich hätte ich nie gewonnen. Komm, ich bringe dich heim."
Bald verabschiedete sich der Marienkäfer von der Wolke, warf die Rosette in seinen Apfelbaum und sprang ab. Ich muß das unbedingt dem Specht erzählen, dachte er.
"He!" rief da der Specht. "Das ist aber ein kluger, geschickter Marienkäfer!"
"Meinst du etwas mich? Ich ..."
Jetzt erst merkte er, daß er flog. Bisher war er mit anderen Dingen beschäftigt, er konnte fliegen!
"Soll ich das heutige Datum in den Stamm ritzen?" lacht der Specht.
"Nicht nötig", meinte der Marienkäfer, "an der Rosette ist ein Datum dran."
Er befestigte die große rote Rosette stolz am Stamm des Apfelbaumes und vergaß niemals diesen wunderschönen Tag.


Der Mann im Pflug

Zu Metz in Lothringen lebte ein edler Ritter, namens Alexander, mit seiner schönen und tugendhaften Hausfrau Florentina. Dieser Ritter gelobte eine Wallfahrt nach dem Heiligen Grabe, und als ihn seine betrübte Gemahlin nicht von dieser Reise abwenden konnte, machte sie ihm ein weißes Hemde mit einem roten Kreuz, das sie ihm zu tragen empfahl. Der Ritter zog hierauf in jene Länder, wurde von den Ungläubigen gefangen und mit seinen Unglücksgefährten in den Pflug gespannt; unter harten Geißelhieben mußten sie das Feld ackern, daß das Blut von ihren Leibern lief. Wunderbarerweise blieb nun jenes Hemd, welches Alexander von seiner Frauen empfangen hatte und beständig trug, rein und unbefleckt, ohne daß ihm Regen, Schweiß und Blut etwas schadeten; auch zerriß es nicht. Dem Sultan selbst fiel diese Seltsamkeit auf, und er befragte den Sklaven genau über seinen Namen und Herkunft und wer ihm das Hemd gegeben habe. Der Ritter unterrichtete ihn von allem, »und das Hemd habe ich von meiner tugendsamen Frau erhalten; daß es so weiß bleibt, zeigt mir ihre fortdauernde Treue und Keuschheit an«. Der Heide, durch diese Nachricht neugierig gemacht, beschloß, einen seiner Leute heimlich nach Metz zu senden; der sollte kein Geld und Gut sparen, um des Ritters Frau zu seinem Willen zu verführen; so würde sich nachher ausweisen, ob das Hemd die Farbe verändere. Der Fremde kam nach Lothringen, kundschaftete die Frau aus und hinterbrachte ihr, wie elendiglich es ihrem Herrn in der Heidenschaft ginge; worüber sie höchst betrübt wurde, aber sich so tugendhaft bewies, daß der Abgesandte, nachdem er alles Geld verzehrt hatte, wieder unausgerichteter Sache in die Türkei zurückreisen mußte. Bald darauf nahm Florentina sich ein Pilgerkleid und eine Harfe, welche sie wohl zu spielen verstand, und reiste dem fremden Heiden nach, holte ihn auch noch zu Venedig ein und fuhr mit ihm in die Heidenschaft, ohne daß er sie in der veränderten Tracht erkannt hätte. Als sie nun an des Heidenkönigs Hofe anlangten, wußte der Pilgrim diesen so mit seinem Gesang und Spiel einzunehmen, daß ihm große Geschenke dargebracht wurden. Der Pilgrim schlug diese alle aus und bat bloß um einen von den gefangenen Christen, die im Pfluge gingen. Die Bitte wurde bewilligt, und Florentina ging unerkannt zu den Gefangenen, bis sie zuletzt zu dem Pflug kam, in welchen ihr lieber Mann gespannt war. Darauf forderte und erhielt sie diesen Gefangenen, und beide reisten zusammen über die See glücklich nach Deutschland heim. Zwei Tagreisen vor Metz sagte der Pilgrim zu Alexander: »Bruder, jetzt scheiden sich unsere Wege; gib mir zum Andenken ein Stücklein aus deinem Hemde, von dessen Wunder ich soviel habe reden hören, damit ich's auch andern erzählen und beglaubigen kann.« Diesem willfahrte der Ritter, schnitt ein Stück aus dem Hemde und gab es dem Pilgrim; sodann trennten sich beide. Florentina kam aber auf einem kürzeren Wege einen ganzen Tag früher nach Metz, legte ihre gewöhnlichen Frauenkleider an und erwartete ihres Gemahles Ankunft. Als diese erfolgte, empfing Alexander seine Gemahlin auf das zärtlichste; bald aber bliesen ihm seine Freunde und Verwandten in die Ohren, daß Florentina als ein leichtfertiges Weib zwölf Monate lang in der Welt umhergezogen sei und nichts habe von sich hören lassen. Alexander entbrannte vor Zorn, ließ ein Gastmahl anstellen und hielt seiner Frau öffentlich ihren geführten Lebenswandel vor. Sie trat schweigend aus dem Zimmer, ging in ihre Kammer und legte das Pilgerkleid an, das sie während der Zeit getragen hatte, nahm die Harfe zur Hand, und nun offenbarte sich, indem sie ihm das ausgeschnittene Stück von dem Hemde vorwies, wer sie gewesen war und daß sie selbst als Pilgrim ihn aus dem Pflug erlöst hatte. Da verstummten ihre Ankläger, fielen der edlen Frau zu Füßen, und ihr Gemahl bat sie mit weinenden Augen um Verzeihung.


Der Rosenstrauch zu Hildesheim

Als Ludwig der Fromme winters in der Gegend von Hildesheim jagte, verlor er sein mit Heiligtum gefülltes Kreuz, das ihm vor allem lieb war. Er sandte seine Diener aus, um es zu suchen, und gelobte, an dem Orte, wo sie es finden würden, eine Kapelle zu bauen. Die Diener verfolgten die Spur der gestrigen Jagd auf dem Schnee und sahen bald aus der Ferne mitten im Wald einen grünen Rasen und darauf einen grünenden wilden Rosenstrauch. Als sie ihm näher kamen, hing das verlorene Kreuz daran; sie nahmen es und berichteten dem Kaiser, wo sie es gefunden. Alsobald befahl Ludwig, auf der Stätte eine Kapelle zu erbauen und den Altar da hinzusetzen, wo der Rosenstock stand. Dieses geschah, und bis auf diese Zeiten grünt und blüht der Strauch und wird von einem eigens dazu bestellten Manne gepflegt. Er hat mit seinen Ästen und Zweigen die Ründung des Doms bis zum Dache umzogen.


Der Ruf des Kuckucks

Märchen der Armenier
Es waren einmal zwei bettelarme Brüder. Als ihre Not zu groß wurde, kamen sie überein, daß der ältere sich eine Arbeit bei einem Bauern suchen und sich als Knecht verdingen sollte, dem jüngeren sollte er dann von seinem Verdienst nach Hause schicken - so gedachten sie beide, endlich besser leben zu können. Sie sagten es, sie taten es. Der jüngere Bruder blieb zu Hause und hielt da alles in bester Ordnung. Der ältere Bruder aber wanderte in die Welt hinaus und verdingte sich bei einem reichen Bauern. Es wurde abgemacht, daß er bis zum Frühjahr arbeiten sollte, aber sein Herr stellte eine Bedingung und sagte: "Derjenige von uns muß zahlen, den in dieser Zeit einmal der Zorn packt. Werde ich selbst wütend, dann zahle ich dir tausend Rubel, wirst du wütend, dann zahlst du mir tausend." "Soviel Geld habe ich ja gar nicht", erwiderte der Knecht. 
"Das ist einfach", sagte der Herr, "statt der tausend Rubel arbeitest du eben zehn Jahre lang ohne Bezahlung!"
Dem Knecht war nicht wohl bei dem Gedanken. Dann aber dachte er bei sich: "Hm, wird der Herr wütend, muß er mir tausend Rubel zahlen, ein hübsches Sümmchen. Und ich - ich werde eben niemals wütend, was da auch kommen mag." So nahm er die Bedingung an. Der Herr schickte den Knecht am nächsten Morgen gleich aufs Feld. "Nimm die Sense", sagte er, "und mähe fleißig, bis es dunkel wird!"
Der Knecht arbeitete mit großem Fleiß den ganzen langen Tag auf dem Feld und kehrte erst abend müde nach Hause. "Warum kommst du schon vom Feld?" fragte der Herr. 
"Nun, die Sonne ist doch untergegangen!"
"Du hast wohl nicht auf meine Worte gehört", sagte der Herr. "Ich habe dir gesagt, mähe fleißig - bis es dunkel wird! Es ist aber nicht dunkel geworden! Die Sonne ging unter und der Mond ging auf. Der Mond leuchtet schön, man kann gut dabei mähen!"
"Das ist ja allerhand", sagte der Knecht, "kann man denn überhaupt nicht ausruhen?"
"Du wirst wohl wütend?" fragte prüfend der Herr.
"Nein, nein, ich werde nicht wütend, ... ich bin nur sehr müde, ... will etwas ruhen ..., müde nur ...", erwiderte der Knecht mit stockender und unsicherer Stimme und ging wieder aufs Feld hinaus. Er mähte, bis der Mond unterging und die Sonne wieder aufging. Dann sank er erschöpft ins Gras.
"Verflucht seien dein Feld, dein Brot und dein Geld!"
Kaum aber hatte der Knecht diesen Fluch getan, da stand plötzlich der Herr vor ihm. Der hatte in einem Versteck gesessen und gelauert. "Nun bist du also doch wütend geworden! Entweder zahlst du mir jetzt tausend Rubel oder du arbeitest noch zehn Jahre lang ohne Bezahlung!"
Nun wußte der Knecht nicht mehr weiter. Geld hatte er nicht, und bei einem solchen Herrn arbeiten, dies konnte man auch nicht, dies wollte er auf keinen Fall mehr. Vieles überlegte er, vieles verwarf er. Schließlich schrieb er dem Herrn einen Schuldschein über tausend Rubel aus und kehrte mit leeren Händen nach Hause zurück. "Nun, wie geht's?" fragte der jüngere Bruder. Da erzählte der ältere ihm die ganze Geschichte.
"Sei nicht traurig, es gibt Schlimmeres!" sagte der jüngere Bruder. "Bleib du nur jetzt zu hause und versorge hier die Wirtschaft! Ich werde mich aufmachen und mich bei diesem Herrn als Knecht verdingen." Der reiche Bauer stellte wieder die gleiche Bedingung. Wird der Herr wütend, dann muß er tausend Rubel zahlen und den Knecht sofort freilassen. Wird der Knecht wütend, dann zahlt er an den Herrn tausend Rubel oder er arbeitet für ihn zehn Jahre lang ohne Bezahlung. Der jüngere Bruder hörte sich alles aufmerksam an und sagte dann: "Tausend Rubel sind zu wenig! Wenn du wütend wirst, zahlst du mir zweitausend Rubel, wenn ich wütend werde, zahle ich dir zweitausend Rubel oder arbeite bei dir zwanzig Jahre lang ohne Bezahlung!" Der Herr freute sich insgeheim, war sofort damit einverstanden und nahm den jüngeren Bruder als Knecht an. Die Sonne ging auf am nächsten Tag, der Knecht aber schlief. Die Sonne stieg höher, der Knecht schlief immer noch. Der Herr hatte schon mehrfach versucht, ihn zu wecken, aber vergebens. "Steh auf!" rief er, "es ist bald Mittag, und du schläfst noch."
Der Knecht öffnete die Augen und fragte: "Warum bist du denn so wütend?"
"Ich bin doch nicht wütend", sagte mit gereizter Stimme der Herr, "ich wollte nur sagten, daß es Zeit ist, aufs Feld zu gehen."
"Es hat alles keine Eile", antworte der Knecht, erhob sich und zog langsam seine Stiefel an.
"So geht das aber nicht, mach schneller!" ließ sich wieder der Herr vernehmen.
"Was, du wirst wütend?"
"Nein, nein, wütend nicht. Ich will ja nur sagen, daß du zu spät zur Arbeit kommst!"
"Das ist etwas ganz anderes", sagte der Knecht, "aber du weißt, unsere Verabredung gilt!"
Er reckte sich und steckte sich und machte sich in aller Ruhe fertig zur Arbeit. Aber erst gegen Mittag war er so weit, daß er hätte auf Feld gehen können. "Es lohnt jetzt nicht mehr, mit der Arbeit anzufangen. Alle Leute essen schon zu Mittag. Komm, laß uns auch erst essen!" sagte da der Knecht zu seinem Herrn. Sie setzten sich zu Tisch. Nach dem Essen gingen beide aufs Feld. Dort angekommen, sagte der Knecht: "Wir sind Leute die schwer arbeiten und sich abrackern. Wir müssen daher nach dem Mittagessen ruhen und Kräfte sammeln."
Sprach's, legte seinen Kopf ins Gras und schlief bis zum Abend. Der Herr hielt es schließlich nicht mehr aus und weckte den Knecht: "Das ist ja eine Schande! Alle haben ihre Felder gemäht, nur meines ist ungemäht geblieben. Es wird ja schon dunkel!" Der Knecht hob den Kopf und fragte: "Bist du etwas wütend?"
"Nein, nein, wütend bin ich nicht. Ich, ich meine nur, es ist dunkel und Zeit, nach Hause zu gehen!"
Dort war inzwischen ein Gast eingetroffen, der mußte bewirtet werden. Der Herr schickte den Knecht in den Stall und befahl ihm, ein Schaf zu schlachten. "Welches?" fragte der Knecht.
"Welches du gerade erwischst""
Der Knecht ging in den Stall. Nach einer Weile kamen Nachbarn angelaufen und meldeten: "Dein Knecht ist wohl verrückt geworden! Er schlachtet alle deine Schafe im Stall, eines nach dem anderen!"
Der Herr war entsetzt, lief in den Stall und sah, daß der Knecht seine ganze Herde geschlachtet hatte. Großer Zorn kam über ihn und er fluchte: "Du Elender! Was hast du getan? Dich soll die Erde verschlingen!"
Seelenruhig erwiderte der Knecht: "Du hast selbst gesagt: "Welches du erwischst, das schlachte!" Und mit einer breiten Handbewegung zeigte er auf die geschlachteten Schafe: "Siehe, ich habe sie alle erwischt! Aber ich sehe: Du bis ja wütend!"abr> "Nein, nein, ich bin nicht wütend. Ich bin nur traurig, daß du die ganze Herde umgebracht hast", sagte daraufhin der Herr, der vor Zorn rot und gelb war im Gesicht. "Na schön", meinte der Knecht, "wenn du nicht wütend bist, so will ich auch bei dir weiterarbeiten."
Nach mehreren Monaten war der Herr ganz ratlos und wußte nicht, wie er seine Wut noch länger verbergen sollte, denn der Knecht kam jeden Tag auf neue unmögliche Dinge. Er entschloß sich, den Knecht so bald wie möglich loszuwerden. Sie hatten aber damals vereinbart, daß der Knecht bis zum ersten Kuckucksruf im Frühjahr bleiben sollte. Vorher konnte, wenn keiner wütend wurde, der Arbeitsvertrag von keinem gekündigt werden. Bis zum ersten Kuckucksruf war aber noch eine lange Zeit, denn der Winter fing eben erst an. Da grübelte der Herr lange nach, wie er dem Knecht einen Streich spielen könnte. Bald hatte er einen guten Gedanken. Er führte sein Frau in den Wald, ließ sie auf einen Baum klettern und befahl ihr, sich dort gut zu verstecken und laut wie ein Kuckuck zu rufen. Er selbst ging wieder nach Haus, lud zwei Büchsen und sagte zu dem Knecht, er sollte mit ihm zur Jagd gehen. Kaum waren sie im Walde, da rief die Frau des Herrn von einem hohen Baum "Kuckuck, Kuckuck!" Der Herr tat recht erstaunt und sagte: "Oh, der Kuckuck ruft! Deine Dienstzeit ist um! Ich gratuliere dir!" Der Knecht hatte aber den Streich bereits durchschaut. "Nein", sagte er, "ein Kuckuck im Winter? Hat man so etwas schon gehört? Diesen Kuckuck muß ich gleich schießen! Das will ich unbedingt sehen, was das für ein Vogel ist!" 
Und er legte an und zielte genau auf den Baum, auf dem die Frau saß. Mit einem Schrei stürzte sich da der Herr auf ihn und riß ihm das Gewehr weg: "Du Räuber! Daß dich der Teufel hole! Du hast mich ganz krank gemacht!"
"Ich sehe, du bist wütend!" sagte der Knecht.
"Ja, ja, ich bin wütend!" rief da der Herr und konnte nicht mehr an sich halten: "Komm her, ich zahle dir zweitausend Rubel aus! Auf deine Dienste verzichte ich, aber laß mich in Zukunft ungeschoren!"
Und bei diesen Worten platzte er fast vor Wut. Der jüngere Bruder strich lachend die zweitausend Rubel ein, zahlte die Schuld seines Bruders und machte sich mit tausend Rubel zufrieden auf den Heimweg.


Der sprechende Baum

Es war einmal ein kleiner Igel der sehr gerne redete. Er hatte immer etwas zu erzählen und eine Menge zu sagen. Er sprach von den Blumen, den Bäumen und vom Himmel und davon, was er gemacht hatte. Allen wollte er über alles berichten.
Eines Tages fand der kleine Igel einen Stein mit einem Loch und wollte jemanden davon erzählen. Er ging zum Hamster.
"Sieh da und schau, was ich gefunden habe!" rief er voller Freude.
"Später", antwortete der Hamster, "jetzt grab' ich grade meinen Garten um."
Da ging der Igel zum kleinen Waschbären und rief: "Sieh nur, was ich gefunden habe, Waschbär!"
Der Waschbär schaute sich um, wer da rief, und antwortete nur: "Jetzt habe ich keine Zeit. Du siehst, ich wasche meine Wäsche. Komm später nochmal wieder!"
Und da auch der Waschbär so beschäftigt war, machte sich der kleine Stachelkopf auf den Weg zum noch kleineren Küken und hielt seinen Stein hochjauchzend in die Luft. Doch auch das Küken war zu beschäftigt, um ihm zuzuhören. Traurig ließ er seine Stachel hängen und trabste weiter des Weges.
Da sah er einen Baum. Der hatte nichts zu tun. Der sagte nicht "später". So erzählte der kleine Igel dem Baum von seinem tollen Stein. Der Waschbär und der Hamster sahen dem Igel zu, wie so zu dem Baum sprach und dachte sich: "Dem Igel spielen wir einen Streich!".
Schon schlichen beide hinter den Baum.
"Wo hast du den Stein gefunden?" fragte der Hamster mit verstellter Stimme. Der Igel wollte seinen Ohren nicht trauen. Der Baum sagte etwas zu ihm. Der Baum konnte sprechen. Das mußte er sofort den anderen erzählen, was er da grade erlebt hatte und sofort rannte er los. Doch er fand nur das Küken, das beim Staubwischen war. Aufgeregt rief er: "Ich hab' einen sprechenden Baum gefunden. Komm mit! Ich zeig' ihn dir!" und schon zog er das Küken mit hinter sich her.
"Sag' etwas, Baum!" bat der Igel den Baum. Aber der sagte kein einziges Wort.
"Bitte, Baum, sprich doch!" bat er ein weiteres Mal. Aber wieder blieb der Baum in voller Wurzel tonlos stehen. Nur ein leises Kichern konnte man vernehmen. Der Baum kicherte, dachte Igel, doch bald schon lachte der Baum. Das Küken schaute hinter den Baum und zog den Waschbären und den Hamster hervor. Die beiden hielten sich die Bäuche vor Lachen.
"Wir haben dich reingelegt", riefen sie. Und zum ersten Mal in seinem Leben wußte der Igel nicht, was er sagen sollte.


Der seltsame Vogel

Fern im Süden gab es mal eine Stadt. In ihren Mauern lebten viele Menschen. Die Händler machten ihre Geschäfte, die Soldaten maschierten und sangen, die Handwerker werkelten, und die Räuber räuberten. Eines Tages gab es Krieg im Land. Er brachte Not und Elend. Es dauerte nicht lange, und die Stadt war von feindlichen Soldaten überrannt. Als sie die Stadt wieder verließen, gab es nichts mehr zu beißen. Die Menschen mußten hungern, und mit dem Hunger kam die Pest. Die Seuche wütete schlimmer als die Krieger. Bald war die Hälfte aller Einwohner von dieser Krankheit befallen und starben nach und nach. Nur eine alte Frau blieb von der Pest verschont. Man nannte sie Mutter Ana. Sie war schon sehr alt, daß es fast schien, als hätte der Tod sie vergessen. Aber auch sie wollte schier am Leben verzweifeln. In all dem Elend ringsumher hatte auch sie keinen Mut mehr, gegen das Schicksal anzukämpfen. Ihr einziger Beisitz war ein seltsamer Vogel, der in einem Eisenkäfig in ihrem Zimmer saß. Ein fremder Seemann hatte ihm einst aus der Ferne mitgebracht.

Da die alte Frau keinen Menschen hatte, mit dem sie reden konnte, unterhielt sie sich oft stundenlang mit dem Vogel. Aber niemals hatte er ihr eine Antwort gegeben. Das Tier blieb immer stumm. Als aber die Alte nun in ihrem Leid so hin und her sann, piepste der Vogel plötzlich: "Du mußt! Du mußt!"
Mutter Ana hörte mit Staunen den Ruf des Vogels und wunderte sich. Sie deutete dieses Ereignis als einen Fingerzeig des Himmels, und sie faßte den Entschluß, den hilfslosen Menschen in der pestkranken Stadt mit ihren schwachen Kräften beizustehen. Sie tat einen kräftigen Zug aus einer irdener Schnapsflasche - denn Alkohol war das einzige Mittel, das vielleicht vor der tödlichen Krankheit schützen konnte. Dann raffte sie sich auf, um in die Häuser der Schwerkranken zu gehen. Ach, wie groß war dort die Sorge und die Todesfurcht! Aber Mutter Ana verzagte nicht. Sie begann die Kranken zu pflegen und sprach den Sterbenden Trost zu. Sie gab den Mutlosen gute Worte und den Schmerzgeplagten Beistand. Und wie durch ein Wunder begannen die Kranken zu gesunden. Bald war sie nicht mehr allein. Hier und dort hatten sich Menschen versteckt, die vor dem Zugriff der Pest verschont geblieben waren. Als diese das mutige Handeln der Alten beobachteten, kamen sie hervor, um auch zu helfen. Je mehr die Schwerkranken Pflege und Hilfe bekamen, um so mehr wurden sie wieder gesund. Die Toten wurden aber sofort begraben, damit sie die noch Gesunden nicht mehr anstecken konnten. Innerhalb eines Monats war die schlimme Krankheit besiegt. Ein halbes Jahr später nahm das Leben in der Stadt seinen gewohnten Gang. Mutter Ana kehrte in ihr Häuschen zurück. Da sah sie, daß der eiserne Vogelkäfig in ihrem Zimmer geöffnet und der Vogel entflogen war.

Heute hat die Stadt dreimal soviele Einwohner wie vor der Pest, und die Stadtmauern sind um mehr als das Doppelte gewachsen. Sie hat auch einen neuen Namen bekommen. In ihrem Wappen aber führt sie einen seltsamen Vogel auf goldenem Grund. Er soll an die schlimme Zeit und der Rettung erinnern. Die Einwohner sind stolz auf ihr Wappentier. Die hilfreiche Mutter Ana aber, die bald nach diesen Ereignissen starb, wird als Schutzpatronin der Stadt wie eine Heilige verehrt.


Der verzauberte Apfelbaum

Ein Märchen aus Flandern

Es war einmal eine alte Frau, die hieß Elend.
Sie besaß nichts als einen Apfelbaum, und auch dieser Apfelbaum machte ihr mehr Kummer als Freude. Wenn die Äpfel reif waren, kamen die Lausbuben aus dem Dorf und stahlen sie vom Baum
Das ging so Jahr um Jahr, als eines Tages ein alter Mann mit einem langen weißen Bart an Elends Tür klopfte. "Liebe Frau", bat er, "gib mir ein Stück Brot."
"Du bist auch eine armselige Kreatur", sagte Elend, die immer großes Mitleid mit anderen Menschen hatte, obwohl sie selbst nichts besaß. "Hier ist ein halber Laib, nimm ihn; mehr habe ich nicht, laß ihn dir schmecken, ich hoffe, er stärkt dich ein wenig."
"Weil du so gütig bist, hast du einen Wunsch frei", sagte der alte Mann.
"Ach", seufzte die alte Frau, "ich habe nur einen einzigen Wunsch! Jeder, der meinen Apfelbaum anrührt, soll daran kleben bleiben, bis ich ihn erlöse. Es ist einfach unerträglich, daß mir immer alle Äpfel gestohlen werden."
"Dein Wunsch wird in Erfüllung gehen", sagte der alte Mann und ging seines Wegs.

Zwei Tage später ging Elend hin, um nach ihrem Baum zu sehen; an seinen Ästen hingen und klebten zahllose Kinder, Dienstboten und Mütter, die gekommen waren, um ihre Kinder zu retten, Väter, die versucht hatten, ihre Frauen zu retten, zwei Papageien, die aus ihrem Käfig entflogen waren, ein Hahn, eine Gans, eine Eule, verschiedene andere Vögel und auch eine Ziege.
Bei diesem erstaunlichen Anblick brach Elend in lautes Gelächter aus und rieb sich vor Freude die Hände. Sie ließ sie alle noch ein Weilchen dort hängen, bevor sie sie schließlich befreite.
Die Diebe hatten ihre Lektion gelernt und stahlen nie wieder Äpfel von ihrem Baum.

Einige Zeit war vergangen, da klopfte es eines Tages wieder an der Tür der alten Frau.
"Herein", rief sie.
"Was glaubst du, wer ich bin", sagte eine Stimme. "Ich bin der Gevatter Tod. Hör zu, Mütterchen", fuhr er fort, "du und dein alter Hund, ihr habt lange genug gelebt; ich bin gekommen, um euch beide zu holen."
"Du bist allmächtig,", sagte Elend, "ich werde mich deinem Willen nicht widersetzen. Aber erlaube mir noch einen Wunsch, bevor ich meine Sachen packe. An dem Baum dort drüben wachsen die wunderbarsten Äpfel, die du je gekostet hast. Wäre es nicht ein Jammer, wenn du gehen würdest, ohne einen einzigen Apfel zu pflücken?"
"Weil du mich so freundlich bittest, werde ich mir einen holen", sagte der Tod, und das Wasser lief ihm im Mund zusammen, als er zu dem Baum ging. Er kletterte in die höchsten Zweige des Baumes, um einen großen rosigen Apfel zu pflücken, doch kaum hatte er ihn berührt, blieb er mit seiner langen knochigen Hand an dem Baum kleben. So sehr er sich auch bemühte, er konnte sich nicht wieder losreißen.
"So, du alter Tyrann, da hängst du jetzt und bist außer Gefecht", sagte Elend.
Weil aber der Tod an dem Baum hing, starb niemand mehr.
Fiel einer ins Wasser, ertrank er nicht; wurde jemand von einem Wagen überrollt, spürte er es gar nicht; die Leute starben nicht einmal mehr, wenn man ihnen den Kopf abschlug.

Nachdem der Tod, im Winter wie im Sommer und bei jedem Wetter, zehn lange Jahre an dem Baum gehangen hatte, bekam die alte Frau Mitleid mit ihm und erlaubte ihm herunterzukommen - unter der Bedingung, daß sie so lange leben durfte, wie sie wollte.
Gevatter Tod ging auf den Handel ein, und das ist der Grund, weshalb die Menschen länger leben als die Spatzen und weshalb es immer Elend auf der Welt gibt und wohl auch bis in alle Ewigkeiten geben wird.


Der verrückte Fuchs

Eines Abends saß der Fuchsvater an dem Tisch und wartete auf das Abendessen. 
Er sagte: "Muttchen beeil dich ein bisschen mit dem Abendessen!" 
Die Fuchsmutter aber sagte: "Ich kann nicht so schnell, du weißt doch, dass ich ein Fuchsbaby kriege!"
Der Vater sagte: "Wie soll es überhaupt heißen? Und wo soll es schlafen?"
Die Mutter stellte das Abendessen auf den Tisch. Es gab Schlangernauflauf mit Hühnchenbeilage. Der Vater aß sofort los. Aber er spukte es wieder aus und schrie: "Bäh was ist denn das für ein Fraß?
Die Fuchsmutter sagte nur: "Ich brauch ein bisschen Schlaf", und dann legte sie sich hin. Mitten in der Nacht wachte sie auf und ging heraus. Vor der Tür lag ein Fuchsbaby. Erst dachte die Mutter es sei ihr Baby. 
Aber dann sagte sie: "Komm rein, mein Kleiner."
Die Mutter nahm den Kleinen und legte sich wieder schlafen. Aber der kleine Fuchs stand auf, ohne dass die Fuchsmutter es hörte, weil sie ja schlief. Der kleine Fuchs verwandelte sich in einen Zauberer. Und der kleine Fuchs verwandelte die Fuchsmutter und den Fuchsvater in zwei Dreckschweine. Der kleine Fuchs verwandelte sich wieder zurück und lief schnell fort. Als am Morgen die Fuchsmutter aufwachte, hatte sie nicht mehr so Schmerzen wie vorher, das lag daran, dass sie ein Schwein war. Aber neben ihr lag der kleine Fuchs nicht mehr. 
Die Fuchsmutter dachte sich aber: "Der wird schon wieder kommen."
Und so war es auch, denn nach zwei Monaten stand der Fuchs wider vor der Tür und er verwandelte die zwei in normale Füchse zurück. Aber der kleine Fuchs benahm sich wie ein verrückter Hund, der gerade eine Katze jagt. Und die Fuchsfamilie lebte glücklich und zufrieden. Und wenn sie nicht gestorben sind, dann leben sie noch heute.


Der Wolf und das Kind

Glücklich und zufrieden lebte Gräfin Jutta mit ihrem Gatten auf der Burg Veldenz. Beider ganzer G1ück war ihr Töchterchen Agnes. Die Sommermonate verlebte das Kind im Hause des Gornhauser Zenters, wo es fröhlich und frei herumtrollte. Als es eines Tages auf dem Rasen vor dem Hause spielte, kam ein großer Wolf gelaufen, packte es und rannte mit ihm davon. Auf dem Felde arbeitende Bauern, die den Vorgang aus der Ferne mit ansahen, liefen mit ihren Heugabeln hinter dem Räuber her, um ihm das Mädchen wieder abzujagen. Auf die Nachricht vom Raub ihrer Tochter lief Frau Jutta voller Verzweiflung in die Schloßkapelle. Sie nahm das Jesuskind aus dem Arm der Heiligen Jungfrau und drohte: "Ich gebe dir deinen Sohn nicht eher wieder, ehe du mir nicht mein Kind unversehrt zurückgegeben hast". Die Gottesmutter erhörte die verängstigte Gräfin.

Die Bauern, die der Wolfsspur nachgegangen waren, fanden Agnes verlassen im Walde. Als man sie fragte, wo der Wolf geblieben sei, antwortete sie:" Der Mummart ist fort, aber er hat mich am Halse gebissen".

Frau Jutta schloß ihr gerettetes Kind überglücklich in die Arme. Dann eilte sie in die Schloßkapelle und gab der Heiligen das Jesuskind zurück, sie gleichzeitig um Verzeihung für ihre ungute Tat bittend.


Die Geschichte der roten Rose

Vor langer, langer Zeit gab es noch kaum Rosen, denn sie waren aufgrund ihrer stechenden Dornen nicht gerade beliebt. Deshalb kümmerten sich die Menschen auch nicht um sie, sondern ließen sie eingehen.
Zu dieser Zeit in einem großen Garten vor einem Königsschloß pflanzte ein alter Gärtner heimlich eine Rose an. Er wartete sehnsüchtig auf den Tag, an dem sie zu blühen begann. Und der Tag kam: die Rose öffnete ihre Knospen. Die anderen Blumen im Garten tuschelten über sie und lachten sie aus. Ein Vergißmeinnicht sagte laut: "Schaut euch doch mal die häßlichen Dornen an!" Die Rose guckte traurig an sich herunter und senkte den Kopf. Jetzt lachten ihre Artgenossen noch mehr. Sie sagten: "Du bist ein Schandfleck für unseren schönen Königsgarten. Mit uns kannst du es doch gar nicht aufnehmen. " Eitel streckten sie ihre Hälse noch höher. Eine hübsche weiße Lilie warf dazwischen: "Wenn der hartherzige König dich sieht, lebst du nicht mehr lange." Danach verschloß sich die Rose immer mehr. Sie wagte nicht mehr zu blühen aus lauter Angst.
Der Gärtner kam, um seine Rose zu bewundern, doch er erschrak, als er sie sah. Er fragte sie leise: "Was ist los mit dir? Warum läßt du dich so hängen?" Die Rose wagte sich bei der freundlichen Stimme ein bißchen heraus. Sie zitterte: "Ich habe Angst. Die Nachbarblumen meinen, der König ist böse und wird mich nicht mögen." Der Gärtner seufzte: "Es stimmt, das der König hartherzig und gefühllos ist. Doch ich kann mir nicht vorstellen, daß er so was Schönes wie dich kaputtmachen will." Dann flüsterte er noch leiser: "Du bist die schönste Blume in diesem Garten. Die Anderen platzen vor Neid, deswegen spotten sie über dich." Das munterte die Rose auf. Der Gärtner sorgte sich liebevoll um sie, und so fing sie wieder an zu blühen. Die Blumen waren empört.
"Du eitle Häßlichkeit verunstaltest alles. Was bildest du dir eigentlich ein?"
Die Rose fühlte sich von diesen Worten immer noch verletzt, doch sie vergaß ihren Kummer, sobald der nette Gärtner kam, um nach ihr zu sehen. Ihn wollte sie auf gar keinen Fall enttäuschen.
Eines Tages kam der König vorbei, um sich seinen Garten anzusehen. Die Rose fragte sich, was er wohl sagen würde und ob er wohl schimpfen würde. Als er sie entdeckte, blieb er wie angewurzelt stehen. Dann rief er den Gärtner. Als dieser den König vor seiner geliebten Rose stehen sah, wurde es ihm schwer ums Herz. Der König, der noch sehr jung war, zeigte auf die Rose und fragte grimmig: "Was ist das?" Der Gärtner schaute zärtlich seine Lieblingsblume an und entgegnete: "Eine Rose. Gefällt Sie Ihnen, Majestät?" Der junge König schaute ihn böse an.
"Habe ich dir befohlen, so etwas zu pflanzen?"
"Nein", erwiderte der Gärtner kläglich.
"Vernichte sie!" befahl der König und ging hohen Hauptes zurück in sein Schloßgemach. Die anderen Blumen lachten schadenfroh, doch dem Gärtner standen Tränen in den Augen. Er sagte zur Rose: "Du hast es gehört."
Die Rose erwiderte leise: "Ja, du mußt es tun. Die anderen Blumen hatten wohl recht. Ich bin häßlich." Der Gärtner meinte daraufhin: "Du bist nicht häßlich, du bist zu schön. Das kann "seine Majestät" wahrscheinlich nicht ertragen."
Er ging fort und kam eine Weile später mit einer Gartenschere zurück. Die Rose sagte zum Gärtner: "Ich danke dir, was du für mich getan hast." Der Gärtner schluchzte: "Ich bring's nicht über mein Herz, dich zu töten. Er steckte die Schere ein und ging. Die anderen Blumen tuschelten: "Er übt den Befehl des Königs nicht aus. Das kann schlimme Folgen haben."
In dieser Nacht schlich sich der König in den Garten und blieb vor der Rose stehen. Er flüsterte ihr zu: "Röslein, liebes, bist du wach?"
Die Rose schaute verwundert auf. War das wirklich der hartherzige König, der befohlen hatte, sie zu töten? Er war es, aber seine Stimme klang freundlicher und sanfter. Der König sprach weiter: "Es tut mir leid, was ich heute gesagt habe. In Wirklichkeit bist du die schönste Blume, die ich je gesehen habe. Deine Dornen haben mich etwas abgeschreckt. Ich hoffe, du bist mir nicht böse. Ich glaube, du bist etwas ganz Besonderes. Was wünschst du dir, damit ich mich entschuldigen kann? Ich möchte dir deinen Wunsch erfüllen."
Die Rose dachte nach. Sie wünschte sich Einiges. Sie wünschte sich, bewundert zu werden, und zwar auch von den anwesenden Blumen. Sie wünschte sich andere Rosen als Freunde, und sie wünschte, stolz auf sich sein zu können. Sie schaute sich den jungen, gutaussehenden König an und dachte an seine Hartherzigkeit. Sie sagte: "Ich wünsche mir, daß du wieder lieben kannst."
Der König war erstaunt und bedankte sich: "Wenn du dir das wünschst, so hoffe ich, daß es in Erfüllung geht."
Die Rose wurde wieder fröhlich und blühte auf in ihrer Schönheit. Der Gärtner freute sich, und als er hörte, daß auch der König die Rose bewunderte, war er erleichtert. Als die Nachbarblumen davon erfuhren, entschuldigten sie sich bei der Rose und ernannten sie zur "edlen Schönheit".
Der König kam jetzt jeden Tag in seinen Garten und sprach mit allen Blumen. Er war viel freundlicher als früher, doch so richtig glücklich wirkte er nicht.
Er erzählte der Rose: "Du hast daran geglaubt, daß ich wieder lieben kann. Ich habe mich tatsächlich in eine Prinzessin verliebt, doch ich weiß nicht, wie ich es ihr zeigen kann."
Die Rose hatte die Antwort schon parat, doch sie fragte ihn: "Wodurch hast du die ersten Gefühle gespürt, wodurch bist du auf den Weg der Liebe gekommen?"
"Durch dich", sagte der König sofort und bat: "Darf ich?"
Die Rose nickte. Er durfte sie pflücken und seiner geliebten Prinzessin zum Geschenk machen. Das war das schönste Glück, was der Rose widerfahren konnte. Sie war sehr stolz auf sich.
Als die Prinzessin die rote Rose und in die Augen des Königs sah, verstand sie es sofort. Der König hielt um ihre Hand an, und sie antworte mit strahlenden Augen mit "Ja". Die Rose kam in eine wunderschöne Vase und erlebte auch noch die Hochzeit der beiden Verliebten im Königsschloß. Als sie verwelkte, trocknete der König sie und hing sie zur Erinnerung in ein Bild auf.
In seinem Garten wuchsen von Jahr zu Jahr mehr Rosen, und es wurden so viele, daß das Schloß das Rosenschloß genannt wurde. Der König erklärte die rote Rose zum Symbol der Liebe. Und das ist so geblieben bis heute.


Die Katze aus dem Weidenbaum

Ein Bauernknecht von Straßleben erzählte, wie daß in ihrem Dorfe eine gewisse Magd wäre, dieselbe hätte sich zuweilen vom Tanze hinweg verloren, daß niemand wußte, wo sie hinkommen, bis sie eine feine Weile hernach sich wieder eingefunden. Einmal beredete er sich mit andern Knechten, dieser Magd nachzugehn. Als sie nun sonntags wieder zum Tanze kam und sich mit den Knechten erlustigte, ging sie auch wieder ab. Etliche schlichen ihr nach, sie ging das Wirtshaus hinaus aufs Feld und lief ohne Umsehen fort, einer hohlen Weide zu, in welche sie sich versteckte. Die Knechte folgten nach, begierig zu sehen, ob sie lange in der Weide verharren würde, und warteten an einem Ort, wo sie wohlverborgen standen. Eine kleine Weile drauf merkten sie, daß eine Katze aus der Weide sprang und immer querfeldein nach Langendorf lief. Nun traten die Knechte näher zur Weide, da lehnte das Mensch oder vielmehr ihr Leib ganz erstarret, und sie vermochten ihn weder mit Rütteln noch Schütteln zum Leben bringen. Ihnen kommt ein Grauen an, sie lassen den Leib stehen und gehen an ihren vorigen Ort. Nach einiger Zeit spüren sie, daß die Katze den ersten Weg zurückgeht, in die Weide einschlüpft, die Magd aus der Weide kriecht und nach dem Dorfe zugeht.


Die kleine Ente Immerfroh

Es war einmal eine kleine Ente namens Immerfroh. Die Ente trug ihren Namen zu Recht, denn sie war immer fröhlichund lachte. Selbst als der Hund des Bauern sie in den Teich jagte oder die schlimmen Jungen aus dem Dorf mit Kieselsteinen nach ihr warfen. Und auch als sie der Truthahn ohne jeden Grund ganz unhöflich behandelte, konnte das ihrer guten Laune nichts anhaben. Ente Immerfroh war gleichbleibend freundlich und lachte. Das konnte ihre Freundin nicht verstehen und fragte: "Wie kannst du nur immer fröhlich sein, selbst wenn dich andere ärgern?"
"Ach, warum soll ich mich ärgern?" lachte auch diesmal Ente Immerfroh. "Der Himmel ist blau, die Sonne scheint, Futter gibt es genug, und das Wasser im Teich ist herrlich zum Schwimmen - lauter Gründe, mich zu freuen!"
"Bald wird auch dir das Lachen vergehen", erwiderte ihre Freundin, "denn bald wird auch dir das Lachen vergehen. Wenn uns nämlich der Bauer zum Markt bringt. Du wirst sehn!"
Und dann kam auch bald der Tag, an dem alle zitterten. Nur Ente Immerfroh war gutgelaunt wie immer, als der Bauer sie in eine Lattenkiste steckte. Sein Junge, der ihm dabei half, fragte plötzlich: "Müssen wir wirklich alle Enten auf den Markt bringen? Ich möchte die lachende Ente gern behalten."
"Was denn? Haben wir eine lachende Ente?" staunte der Bauer.
"Ja, ich zeige sie dir", gab der Junge zur Antwort und Ente Immerfroh lachte wirklich.
"Gut", sagte der Bauer, "du kannst sie behalten. Aber sorge auch recht für sie."
Der Junge lachte glücklich. Und Ente Immerfroh? Die lachte auch! So, wie sie es immer tat.


Die kleine Haselmaus und ihre Nachtruhe

Es war Nacht und die kleine Haselmaus war sehr sehr schläfrig. Die ganze Nacht war sie auf Futtersuche, und nun wollte sie endlich schlafen. Aber wie sollte sie einschlafen, wenn die Vögel einen solchen Krach machten?
"Ruhe!" schrie die Haselmaus, doch niemand kümmerte sich darum. Zuerst war sie ärgerlich, dann wurde sie echt wütend.
"Ich werde mich beim großen Waldgeist beklagen!" drohte sie. 
Bald darauf stand sie auch schon vor dem Herrn des Waldes und klagte: "Großer Herr, ich bin ein Nachttier und muß mich am Tage ausruhen und schlafen. Könntest du meinen Nachbarn nicht befehlen ruhig zu sein?"
"Haselmaus", sagte der Herr, "ich behandle alle Tiere gleich. Du beklagst dich über die Vögel. Hast du schonmal daran gedacht, daß es sie auch stören könnte, wenn du nachts pfeifst oder piepst? Oder wenn die Eule schreit und der Dachs schnaubt?"
Nein, daran hatte die kleine Haselmaus noch nie gedacht. Sie ließ den Kopf hängen.
Da spielte der Waldgeist auf seiner Flöte und webte um die Haselmaus einen Zauberwall...
Später konnte sie sich nicht mehr daran erinnern, wie sie nach Hause gekommen und eingeschlafen war. Aber die Musik hatte sie noch lange in den Ohren.


Die kluge Hasenmutter

Märchen der Armenier
Ein hungriger Wolf begegnete im strengen Winter einmal einem Hasen und rief ihm zu: "Bleib stehen, altes Hasenweib, ich bin hungrig, ich will dich fressen!" Die Häsin entgegnete: "Ach, Wolf! Was willst dumit mir? Ich bin selbst habl verhungert und abgemagert. Da hast du nur noch Haut und Knochen! Laß mich leben! Ich verspreche dir, im nächsten Herbst bekommst du all meine Jungen. Das sind andere Leckerbissen! Deinen Hunger aber kannst du schnell stillen. Im nächsten Dorf feiern die Bauern heute eine Hochzeit. Da sind alle betrunken. Die beste Gelegenheit für dich, einige Schafe zu holen!" 
"Gut, einverstanden!" meinte der Wolf, setzte aber drohend hinzu: "Aber wehe, wenn du mir im nächsten Herbst nicht alle deine Jungen hierher bringst. Hier an diesem Ort erwarte ich dich dann!" Hierauf verabschiedeten sie sich; der Wolf hetzte ins Dorf und die Häsin verschwand in den Büschen. 

Der Frühling kam, der Sommer verging und das Laub färbe sich gelb. Da begnete der Wolf einmal der Häsin und sagte zur ihr: "Ich habe große Lust auf Hasenfleisch. Am nächsten Sonntag nach Sonnenaufgang kommst du zu dem verabredeten Ort und führst mir deine Jungen zu!" 

"Ja, Wolf", sagte die Hasenmutter, "ich werde sie dir alle bringen!" Am Sontag weckte die Häsin kurz nach Sonnenaufgang ihre sechs Jungen und machte sich mit ihnen auf den Weg. Als sie an ein Maisfeld kamen, das in der Nähe des verabredeten Ortes lag, hieß die Hasenmutter ihre Jungen ins Maisfeld laufen. Jeder sollte sich einen Maiskolben abbrechen. Als die Jungen die Maiskolben anschleppten, sagte die Hasenmutter: "So ist es gut! Steckt das untere Ende des Maiskolbens jetzt in euer Maul und wartet hier, bis ich euch rufe. Dann kommt ihr langsam heran. Aber laßt die Kolben nicht fallen!" Daraufhin hoppelte die Häsin zu dem Ort der Verabredung. Der Wolf schrie sie gleich böse an: "Was hast du versprochen? Betrügerin! Wo sind deine Jungen?" Die Hasenmutter sagte mit beruhigender Stimme: "Von Betrug keine Spur! Du mußt dich nur ein Weilchen gedulden. Meine Jungen werden gleich hier sein. Ich bin eigentlich ganz froh, daß du ihnen den Garaus machst, denn es sind wilde und starke Kerle, mit denen ich überhaupt nicht mehr fertig werde: Vor allem, seitdem sie Löwenfett gegessen habn, ist es ganz schlimm mit ihnen. Sie wissen gar nicht mehr wohin vor Übermut!" 

"Kommst endlich! Wo bleibt ihr denn?" rief die Hasenmutter. Da kamen die Jungen langsam näher. Der Wolf stutzte, und als er von Ferne die Maiskolben im Maul der Jungen bemerkte, fragte er die Häsin: "Sag mal, was haben deine Jungen denn in ihren Mäulern?" 

"Ach, lieber Wolf", antwortete die Hasenmutter, "das ist nichts besonderes. Seit der Zeit, da sie Löwenfett gegessen haben, sind sie so stark geworden, daß sie jedes Tier sofort auffressen, das sie erwischen können. Kürzlich haben sie sechs Wölfe gefangen und verzehrt, und jetzt spielen sie eben mit den Wolfschwänzen, diese Rauhbeine!" Der Wolf erschrak bei diesen Worten und suchte eiligst das Weite. Die Hasenmutter aber hoppelte mit ihren sechs Jungen vergnügt durch die Felder nach Hause.


Die Maus und das Murmeltier

Eine Maus mit dem Namen Klaus knabbert wie alle Mäuse gerne am Käse. Sie sucht in allen Ecken, und wenn sie keinen Käse findet, verkriecht sie sich ins Mauseloch. Dort heckt sie mit Hunger im Bauch etwas aus, wie sie die anderen Tiere ärgern kann. Dies bereitet ihr soviel Spaß, daß sie meist ihren Hunger vergißt. Eines Tages, als sie wieder auf Käsesuche ist, glaubt sie, ein Stück Käse erspäht zu haben. Sie will gerade Anlauf nehmen und sich auf die Beute stürzen, da merkt sie auf einmal, daß der vermeintliche Käse sich bewegt.
"Na so was", denkt die Maus und geht nun doch mit Vorsicht an das komische Ding heran. "Was ist das bloß?" fragt sich die Maus. "Vielleicht sollte ich mal rein beißen und probieren". 
Während dieser Überlegung rollt sich das Ding auf. So etwas hatte Klaus noch nie gesehen. 
"Wer bist du?" fragte er neugierig.
"Ich bin das Murmeltier, ich murmel den ganzen Tag vor mich hin", antwortet es. Die Maus ist total fasziniert und weiß gar nicht, was sie machen soll. Sie stellt fest, daß sie gar keine Lust hat, das Murmeltier zu ärgern. Bis jetzt ist ihr bei jedem Tier was eingefallen, aber dieses Murmeltier mußte etwas Besonderes sein.
Auf einmal streckt das Murmeltier der Maus die Zunge raus. Die Maus antwortet prompt mit einer anderen Grimasse. Daraufhin folgt eine Grimasse nach der anderen. Schon bald gehen ihnen die Ideen aus, und sie fangen an, sich gegenseitig zu piesacken. Das macht den Beiden so viel Spaß, daß sie gar nicht aufhören wollen. Ab diesem Tag treffen sich die Zwei so oft sie können und denken sich immer neue Neckereien aus. 
Sprichwort: Was sich liebt, das neckt sich


Die Rapunzelfrau

Es war einmal ein Königspaar, das wünschte sich so sehr ein Töchterlein. Eines Tages kam eine alte Frau zum Schloss die Rapunzeln verkaufen wollte. Als der König das Tor öffnete, sprach die Frau: "Herr König wollen Sie Rapunzeln kaufen?"
"Nein, aber warum verkaufst du Sie nicht an die Leute im Dorf?" sprach der König, worauf die Alte antwortete: "Das geht nicht, Herr König. Es sind wertvolle und teure Rapunzeln!"
"Warum sind sie denn so wertvoll und teuer?"
"Weil, wenn eine Frau sich ein Kind wünscht, kriegt sie von den Rapunzeln ein Kind und ist glücklich."
Da war der König überzeugt, dass er direkt 5 solcher Rapunzeln kaufte. Er gab der Rapunzelfrau 5 Silbertaler und nach einem Jahr gebar die Königin 5linge. Es waren Knaben. 
Als sie alle 6 Jahre alt waren wurden sie sehr krank. Aber als sie fast sterben mussten, kam die Rapunzelfrau und sprach zu dem Königspaar: "Ich kann Ihre Kinder retten, aber afür müssen alle 5 eine Rapunzel essen."
Die Eltern gingen auf die Rapunzelfrau ein. Also aßen alle 5 eine Rapunzel. Kaum aber hatten sie die Rapunzeln gegessen, verwandelten sich alle 5 in Raben. Die Königin versuchte sie zu halten, aber sie flogen davon. 

Als die Königin nach zwei Jahren wieder ein Kind gebar, vergaß sie fast ihre anderen 5 Kinder. Aber als das Kind 10 Jahre alt war, erzählten ihre Eltern ihr die furchtbare Geschichte. Das Kind Maren wollte unbedingt ihre 5 Brüder finden. In der Nacht schlich sie sich davon und suchte 7 Tage und 6 Nächte nach ihren Brüdern. In der 7 Nacht kam sie an eine Ruine und schlief auf der Stelle ein. In der Nacht kamen 5 Raben. Sie stellten sich um das Mädchen und sprachen alle miteinander: "Wer ist sie, woher kommt sie?"
Was die 5 nicht merkten, dass sie sich langsam wieder zurückverwandelten. Als es morgen war und Maren aufwachte, erschrank sie, denn sie wusste ja nicht, dass die 5 jungen Männer ihre Brüder waren. Deshalb sprch sie zu ihnen: "Wer seid ihr? Woher kommt ihr?"
"Wir sind die Söhne eines reichen Königspaares und wurden durch Rapunzeln in Raben verzaubert." 
Da erkannte Maren ihre Brüder und ging mit ihnen Heim. Als sie alle wieder da waren und das Begrüßungsfest im vollen Gange war, kam die Rapunzelfrau und fragte:" Wo sind denn ihre 5 Lieblinge?"
"Sie sind hier!" antwortete das Königspaar. Da schrie die Rapunzelfrau und versank im Boden. Von da an waren sie immer glücklich und lebten bis an ihr Lebensende.


Die Tochter der Blumenkönigin

Märchen der Armenier
Es war einmal ein Königssohn, der ritt eines Tages aus zur Jagd. Auf einer weiten, schier endlosen Wiese gelangte er an einen langen tiefen Graben. Er hielt sein Pferd an und sah, daß er an dieser Stelle den Graben nicht überwinden konnte. Gerade als er umkehren wollte, hörte er unten im Graben jemand wimmern. Er steig vom Pferd und begann zu suchen. Da fand er eine alte hilflose Frau, die ihn bat, er möge ihr aus dem Graben helfen. Der Königssohn stieg in den tiefen Graben hinab und hob die Alte heraus. 
"Wie seid Ihr bloß in den tiefen Graben hineingeraten?" fragte der Königssohn. 
"Ach, Gott", sagte die Alte, "ich bin eine sehr arme Frau und brach gleich nach Mitternacht von zu Hause auf, um in der Stadt Eier zu verkaufen. Im Dunklen verfehlte ich den Weg und fiel in diesen tiefen Graben. Allein konnte ich mir nicht helfen. Gott segne Eure Herrlichkeit!" 
Da sagte der Königssohn voller Mitleid: "Ihr könnt ja kaum gehen! Ich setze Euch auf mein Pferd und führe Euch nach Hause. Wo wohnt Ihr denn?"
"In jener kleinen Hütte, dort am Rande des Waldes!"
Der Königssohn hob die Alte auf sein Pferd und führte sie zu ihrer Behausung. Die Alte stieg vor ihrer Hütte ab und sagte zum Königssohn: "Wartet noch ein wenig! Ich will Euch etwas geben!" Und sie ging in die Hütte hinein, kehrte aber bald zurück und sprach zum Königssohn: "Du bist ein großer Herr und hast doch ein gutes Herz, das wohl wert ist, belohnt zu werden. Willst du das schönste Mädchen der Welt zur Gattin haben?"
"Ja", antwortete der Königssohn.
"Das schönste Mädchen der Welt ist die Tochter der Blumenkönigin, die ein Drache gefangenhält. Du mußt sie aus der Gefangenschaft befreien, wenn du sie zur Gattin haben willst. Dabei will ich dir helfen. Hier nimm dieses Glöcklein; wenn du einmal damit läutest, so erscheint der Adlerkönig; wenn du zweimal läutest, so kommt der Fuchskönig, und wenn du dreimal läutest, der Fischkönig. Diese drei werden dir in der Not beistehen. Jetzt lebe wohl. Gott segne deine Fahrt!"
Mit diesen Worten übergab ihm die Alte das Glöcklein und verschwand mitsamt der Hütte. Es war, als hätte sie der Erdboden verschlungen. Nun wußte der Königssohn, daß er mit einer guten alten Fee gesprochen hatte. Er verwahrte das Glöcklein wohl, ritt heim und sagte seinem Vater, daß er die Tochter der Blumenkönigin freien wolle. Am anderen Tag schon wolle er in die Welt reisen, um das wunderschöne Mädchen zu suchen. Der Königssohn sattelte also am nächsten Morgen sein edles Pferd und verließ seine Heimat. 
Lange zog er durch die Welt, sein Pferd starb, er litt Mangel und Not. Nach gut einem Jahr ruhelosen Wanderns erreichte er eines Tages eine Hütte, vor der ein uralter Greis saß. Der Königssohn fragte ihn: "Weißt du vielleicht, wo der Drache wohnt, der die Tochter der Blumenkönigin gefangenhält?"
"Das weiß ich nicht", antwortete der Greis, "aber wenn du ein Jahr lang diesen Weg gerade weitergehst, dann wirst du die Hütte meines Vaters erreichen. Vielleicht wird der es dir sagen können."
Der Königssohn bedankte sich für diesen Rat, ging nun ein ganzes Jahr den Weg gerade weiter und erreichte dann eine Hütte, vor der ein uralter Greis saß. "Weißt du vielleicht, wo der Drache wohnt, der die Tochter der Blumenkönigin gefangen hält?"
"Das weiß ich nicht?" antwortete der Greis, "aber wenn du ein Jahr lang diesen Weg gerade weitergehst, so wirst du eine Hütte erreichen, in der mein Vater wohnt, und der wird es dir schon sagen."
Der Königssohn bedankte sich und wanderte ein weiteres Jahr denselben Weg entlang, bis er die Hütte erreichte, vor der ein uralter Greis saß, dem er seine Frage vorlegte. Der Greis gab zur Antwort: "Der Drache wohnt dort droben auf dem Berg und hält eben seinen Jahresschlaf. Ein Jahr lang schläft er, ein Jahr lang wacht er. Gestern hat er wieder seinen Jahresschlaf begonnen. Wenn du die Tochter der Blumenkönigin sehen willst, so gehe auf den zweiten Berg; dort wohnt die alte Drachenmutter; du mußt wissen, jeden Abend geht die Tochter der Blumenkönigin zu der Drachenmutter auf den Ball." 

Der Königssohn machte sich auf den Weg zum zweiten Berg. Dort erblickte er ein goldenes Schloß mit diamantenen Fenstern. Als er gerade durch das Tor in den Hofraum treten wollte, stürmten sieben Drachen auf ihn los und fragten ihn: "Was suchst du hier?" "Ich habe von der großen Schönheit und der Güte der Drachenmutter vernommen", antwortete der Königssohn, "ich möchte gerne bei ihr in Dienst treten."
Den Drachen gefiel diese schmeichelhafte Rede.
"Komm, ich führe dich zur Drachenmutter", sprach der älteste von ihnen. Sie traten in das Haus und durchschritten zwölf prächtige Säle, die alle aus Gold und Diamanten gebaut waren. Im zwölften Saale saß die Drachenmutter auf einem Diamantenthron. Sie hatte drei Köpfe und war das häßlichste Weib, das die Sonne je beschienen hat. Der Königssohn erschrak gewaltig vor dieser ihrer abgrundtiefen Häßlichkeit, vor allem aber, als sie ihn mit einer Stimme, die dem Krächzen von siebzig Raben glich, fragte: "Warum bist du hierher gekommen?" 
Der Königssohn antwortete: "Ich habe von deiner großen Schönheit und Güte gehört und möchte gern bei dir in den Dienst treten."
"So?" krächzte die Drachenmutter. "Wenn du mein Diener werden willst, so mußt du zuerst meine Stute drei Tage hindurch auf die Weide führen und hüten. Wehe dir, wenn du sie auch nur einmal nicht heimbringst! Dann fressen wir dich auf!"
Der Königssohn versprach, gut auf die Stute zu achten, ging und führte das kostbare Tier auf die Weide. Kaum aber war er auf der Wiese angelangt, da war die Stute auch schon verschwunden. Überall suchte er, alles war vergebens, nirgends fand er sie. Als er sich auf einen Stein niedersetzte, um über sein trauriges Los nachzudenken, sah er einen Adler in weiter Ferne fliegen. Da fiel ihm sein Glöcklein ein. Er holte es aus der Tasche und läutete einmal damit. Gleich darauf erschien in der Luft der Adlerkönig und ließ sich vor ihm nieder.
"Ich weiß, was du von mir willst", sprach der Adlerkönig, "du suchst die Stute der Drachenmutter. Sie treibt sich oben in den Wolken herum. Ich werde alle Adler aussenden, damit sie die Stute wieder einfangen und dir herbringen." 
Der Adlerkönig sprach's und flog von dannen. Gegen Abend war's, da hörte der Königssohn ein gewaltiges Rauschen in der Luft. Er blickte zum Himmel und sah, wie viele tausend Adler die Stute heranbrachten. Die Adlerschar ließ sich vor ihm nieder und übergab ihm das Pferd. Hierauf ritt der Königssohn heim zur Drachenmutter. Voller Verwunderung sprach diese zu ihm: "Heute darfst du am Ball teilnehmen, als Lohn dafür, daß es dir gelungen ist, die Stute tatsächlich das erste Mal heimzuführen." Sie gab ihm einen kupfernen Mantel und führte ihn in einen Saal, in dem viele Drachenfräulein und Drachenjünglinge aßen, tranken und tanzten. Dort sah er nach langen Jahren des Suchens nun endlich die wunderschöne Tochter der Blumenkönigin. Aus den schönsten Blumen der Welt waren ihre Kleider gewebt. Und wenn sie lachte, so lachten sie Rosen und Jasmin. Als der Königssohn einmal mit ihr tanzen durfte, flüsterte er ihr ins Ohr: "Ich bin gekommen, dich zu befreien!"
Die wunderschöne Jungfrau sagte daraufhin leise zu ihm: "Wenn es dir gelingt, die Stute auch am dritten Tage heimzuführen, so erbitte von der Drachenmutter ein Füllen von dieser Stute."


Um Mitternacht endete der Ball. Am nächsten Morgen führt der Königssohn die Stute der Drachenmutter wieder auf die Weide. Und wieder entschwand sie vor seinen Augen. Da nahm er sein Glöcklein aus der Tasche und läutete zweimal. Und siehe, der Fuchskönig erschien und sprach: "Dein Begehr ist mir schon bekannt. Die Stute hat sich in einem Berge versteckt. Ich werde gleich alle Füchse aufbieten, damit sie die Stute zu dir herbeiführen."
Sprach's und verschwand. Gegen Abend war es, da brachten viele tausend Füchse die Stute heran. Der Königssohn ritt daraufhin heim zur Drachenmutter. Sie gab ihm zum Lohne einen silbernen Mantel und erlaubte ihm, am Ball teilzunehmen. Als die Tochter der Blumenkönigin den Königssohn wiedersah, freute sie sich gar sehr. Und beim Tanz flüsterte sie ihm zu: "Wenn es dir auch morgen gelingt, die Stute heimzuführen, so erwarte mich mit dem Füllen dort unten auf der Wiese. Nach dem Ball fliehen wir beide dann auf und davon."
Der Königssohn führte auch am dritten Tag die Stute wieder auf die Weide, aber wiederum verschwand sie. Da holte der Königssohn das Glöcklein hervor und läutete damit dreimal. Und siehe, der Fischkönig erschien und sprach: "Ich weiß schon, was du willst! Ich werde alle Fische aufbieten, damit sie die Stute zu dir herführen."
Gegen abend erschienen die Fische mit der Stute. Der Königssohn brachte sie heim zur Drachenmutter. Diese sprach zu ihm: "Du bis ein braver Junge. Du sollst mein Leibdiener werden. Was möchtest du als ersten Lohn gerne haben, du kannst dir etwas wünschen!"
Der Königssohn erbat sich ein Füllen der Stute, die er dreimal nach Hause gebracht hatte. Die Drachenmutter hatte sich in den Jüngling verliebt, weil er ihre Schönheit gelobt hatte, Daher gab sie ihm nicht nur das Füllen, sondern auch noch einen goldenen Mangel obendrein. In diesem goldenen Mantel erschien er abends zum Ball. Bevor aber das Fest zu Ende ging, schlicht er sich in den Stall, setzte sich auf sein Füllen und ritt hinaus auf die Wiese, um die Tochter der Blumenkönigin zu erwarten. Gegen Mitternacht erschien das wunderschöne Mädchen, der Königssohn hob sie schnell vor sich auf das Pferd und in Windeseile ging es dem Palast der Blumenkönigin zu. Glücklich erreichten sie dieses Ziel. Da aber hatten die Drachen die Flucht auch schon bemerkt und weckten ihren Bruder aus dem Jahresschlafe. Mit Gebrüll rückten sie nun an und rüsteten sich zum Sturm auf den Palast der Blumenkönigin. Diese aber ließ sogleich einen himmelhohen Wald ringsum emporwachsen, den kein lebendes Wesen durchdringen konnte. Die Drachen mußten abziehen, ohne etwas zu ausrichten zu können. 

Als die Blumenkönigin nun hörte, daß ihre Tochter die Gattin eines Königssohns werden wollte, sprach sie zu den beiden: "Gerne gebe ich meinen Segen zu Eurer Heirat. Aber nur im Sommer darf meine Tochter bei dir weilen; wenn Schnee die Erde bedeckt und alles tot ist, muß sie zu mir unter die Erde kommen und im Palast wohnen, damit ich nicht einsam und trostlos die Wintermonate zubringen muß."
Der Königssohn gab dieses Versprechen ab und führte seine wunderschöne Braut heim. Eine große Hochzeit wurde gehalten. Das junge Paar lebte glücklich und in Freuden, bis der Winter kam. Dann nahm die Tochter der Blumenkönigin Abschied und zog heim zu ihrer Mutter. Im Sommer kehrte sie wieder zu ihrem Gatten zurück und blieb dann bei ihm bis zum Eintritt des Winters. Dies wiederholte sich jedes Jahr in ihrem Leben, aber sie lebten trotzdem stets glücklich miteinander.



Die Springwurzel

Vorzeiten hütete ein Schäfersmann friedlich auf dem Köterberg, da stand, als er sich einmal umwendete, ein prächtiges Königsfräulein vor ihm und sprach: »Nimm die Springwurzel und folge mir nach.« Die Springwurzel erhält man dadurch, daß man einem Grünspecht (Elster oder Wiedehopf) sein Nest mit einem Holz zukeilt; der Vogel, wie er das bemerkt, fliegt alsbald fort und weiß die wunderbare Wurzel zu finden, die ein Mensch noch immer vergeblich gesucht hat. Er bringt sie im Schnabel und will sein Nest damit wieder öffnen; denn hält er sie vor den Holzkeil, so springt er heraus, wie vom stärksten Schlag getrieben. Hat man sich versteckt und macht nun, wie er herankommt, einen großen Lärm, so läßt er sie erschreckt fallen (man kann aber auch nur ein weißes oder rotes Tuch unter das Nest breiten, so wirft er sie darauf, sobald er sie gebraucht hat). Eine solche Springwurzel besaß der Hirt, ließ nun seine Tiere herumtreiben und folgte dem Fräulein. Sie führte ihn bei einer Höhle in den Berg hinein. Kamen sie zu einer Türe oder einem verschlossenen Gang, so mußte er seine Wurzel vorhalten, und alsbald sprang sie krachend auf. Sie gingen immer fort, bis sie etwa in die Mitte des Bergs gelangten, da saßen noch zwei Jungfrauen und spannen emsig; der Böse war auch da, aber ohne Macht und unten an den Tisch, vor dem die beiden saßen, festgebunden. Ringsum war in Körben Gold und leuchtende Edelsteine aufgehäuft, und die Königstochter sprach zu dem Schäfer, der da stand und die Schätze anlusterte: »Nimm dir, soviel du willst.« Ohne Zaudern griff er hinein und füllte seine Taschen, soviel sie halten konnten, und wie er, also reich beladen, wieder hinaus wollte, sprach sie: »Aber vergiß das Beste nicht!« Er meinte nicht anders, als das wären die Schätze, und glaubte sich gar wohl versorgt zu haben, aber es war das Springwort. Wie er nun hinaustrat, ohne die Wurzel, die er auf den Tisch gelegt, schlug das Tor mit Schallen hinter ihm zu, hart an die Ferse, doch ohne weiteren Schaden, wiewohl er leicht sein Leben hätte einbüßen können. Die großen Reichtümer brachte er glücklich nach Haus, aber den Eingang konnte er nicht wiederfinden.


Ein schöner Traum

Es war einmal ein Mäuserich und eine Mäusin, die wollten Beeren sammeln. Sie summten vergnügt ein Lied, als sie plötzlich einen goldenen Ring im Gras fanden.
"Wie schon er nur ist! Er muß einer reichen Frau gehören!" rief die Mäusin.
Der Mäuserich hob ihn auf und setzte ihn seiner Frau auf den Kopf.
"Wie eine Krone!" freute er sich. "Du könntest beim Maifest unsere Königin werden!"
"Oh!" begeisterte sich seine Frau. "Dann würde ich im Mittelpunkt stehen!"
Und sie setzte den Ring nun ihrem Gatten auf dem Kopf.
"Und du, du könntest der Mäusekönig weren!"
Das gefiel dem Mäuserich natürlich und seine Augen glänzten.
"Dann hätten wir schöne Kleider, eine Kutsche, lauter Leckerbissen zum Essen ..."
Die Mäusin und der Mäuserich faßten sich an den Händen und tanzten lustig im Kreis. Dazu sangen sie: "Wenn du König wärst ... lalala!"
Plötzlich blieben beide lachend stehen, sahen sich in die Augen und wurden wieder ernst.
"Aber es ist nicht ehrlich, den gefundenen Ring zu behalten!" äußerte die Mäusin.
Der Mäuserich nickte: "Ja, wir haben den Ring ja nur gefunden und nicht redlich verdient. Er gehört uns nicht." Sie gingen zur Polizei und gaben ihn ab.
Dann gingen beide wieder zu ihrem Wäldchen zurück und sammelten weiter Beeren. Sie waren vergnügt.
"Hihihi, Königin...", kicherte die Mäusin.
Dann kam die Zeit, da sich der Mäuserich und seine Frau in ihr warmes Nest kuschelten, um den Winterschlaf zu halten.
"Nichts ist schöner als ein guter Winterschlaf!" gähnte die Mäusin und ihr Mäusegatte bestätigte es ihr.
"Hier ist es so war und weich und so ruhig..."
Und bald schnarchten sie beide zufrieden durch den Winter.


Felix, die Räuberratte

Im letzten Sommer bekam ich ein neues Zimmer auf dem Spitzboden. Da wohnte ich gerne, weil es mit seinen Dachschrägen so gemütlich ist. Im letzten Herbst erlebte ich eine lustige Überraschung:
An einem schönen Freitagnachmittag, als ich auf dem Rückweg von der Schule nach Hause war, traf ich den Briefträger. Ich rief ihm zu: "Hallo, gehen Sie in die Kleestraße?"
Er antwortete mir: "Ja, wohnen Sie da? Wir können ja zusammen gehen!"
Also gingen wir zusammen in die Kleestraße. Als wir beide da angekommen waren, wollte der Briefträger sich von mir verabschieden.
"Also Tschüss! Halt! Ich habe ein Paket für dich."
Er gab mir ein Päckchen. Ich schaute auf das Paket und las halblaut vor mich hin: "Absender: Oskar Altemeyer, An: Wiebke Altemeyer."
Ich schüttelte das Paket. Nichts geschah. Plötzlich fühlte ich ein Zerren an meinem Hals. Der Briefträger stand immer noch neben mir. Er erinnerte mich: "Du hast deinen Schlüssel ins Schloss gesteckt. Da er aber an einem Band ist, der an deinem Hals hängt, zerrt es, wenn den Kopf hochstreckst!"
"Danke," murmelte ich.
Als ich dann endlich im Haus war, wurde ich von der Neugier gepackt. Ich vergaß sogar den Hund Arthur zu streicheln. Auf einmal griff ich mir das Päckchen und lief ins Wohnzimmer, um es da zu öffnen. Als ich es nach einer schwierigen Fummelei geöffnet hatte, rief ich: "Lecker, Süßigkeiten für mich allein! Toll! Den anderen gebe ich auch etwas ab. Ist doch klar!"
Ich nahm den vollen Karton mit nach oben in mein neues Zimmer. 
Auf einmal merkte ich, dass ich mal auf das Klo musste. Also ließ ich den Karton auf den Boden fallen. Als ich vom Klo wieder kam, waren ein paar Süßigkeiten weg! Ich dachte verwundert: "Meine Marzipankartoffeln sind weg! Aber ich esse doch so gerne Marzipan! Oh Schreck, mein Vogel hat noch kein Futter bekommen! Das werde ich jetzt nach holen." 
Aber als ich in die Futterdose schaute, war kein Futter mehr drin! In den nächsten Tagen verschwand auch Meerschweinchenfutter. Obwohl den Meerschweinchen eine kleine Diät sehr gut tut. Aber als dann noch mehr Süßigkeiten verschwanden, beschuldigte ich meine Schwester Mareike. Mareike schrie: "Ich habe keine Süßigkeiten von dir gegessen! Ehrlich!"
Aber natürlich glaubte ich ihr nicht. Eines Abends, als es schon dunkel war, hörte ich unter meinem Bette ein leises Schmatzen. Ich schnappte mir meine Taschenlampe und leuchtete unters Bett. Lustige kleine schwarze Knopfaugen schauten mich an. Eine kleine Ratte saß auf meinen Vorräten. Ihr Blick sah aus, als ob sie sagen wollte: "Bitte tue mir nichts, ich bin dein Freund."
Ich nannte ihn Felix die Räuberratte. Ich fand heraus, dass Felix keinen Speck mag. Am liebsten mag er Marzipankartoffeln. Am nächsten Morgen erzählte ich meiner Mutter die ganze Geschichte. Ab nun lebten Felix und ich zusamen. Ich gab ihm meine ganzen Marzipankartoffeln.


Froschkoenig -
von einer Emanze erzaehlt

(vorab an die holde Weiblichkeit : Bitte nicht persoenlich nehmen !!)

Also, ich sag euch, die Frau kann man voellig vergessen. Die hatte offensichtlich so voll alles drauf, wo die Typen unheimlich drauf abfahren. Scharfen Body, reichen Alten und ansonsten eben so total liebe Tussy. Kennt man ja, die Sorte. Voellig verdorben von ihrer Sozialisation mit sonem irre antiquierten Frauenbild. Frei nach dem Motto : schoen, doof und Klappe halten ! Logo, dass die auch keinen Job hatte oder ne Ausbildung machte oder so. Mit dieser Kiste versuchen diese Typen die Frauen ja auch ganz konkret matschig in der Birne zu halten, damit sie dann hinterher sagen koennen : da sieht man(n) mal wieder, dass die Weiber nicht so viel bringen wie die Maenner. Und in so Nobel-Schichten ist das ja auch irre stark ausgepraegt, irgendwie. In der Unterschicht - Arbeiter und so - klappt das ja zum Glueck nicht so einfach, da muessen eben die Frauen ackern wie die Neger, damit die Familie laeuft. Naja und da kriegen sie ntuerlich auch sowas wie'n Selbstwertgefuehl irgendwie. Klar, dass das auch irre wenig ist, aber bei diesen Highsociety-Leuten, da is eben absolut Null in der Beziehung. Der Herr des Hauses schafft das Moos mit links ran, und die Frau ist zur Dekoration der Villa da. Mit sonem total kaputten Selbstverstaendnis kann aus soner Frau ja auch nix werden ! Na, diese frau spielt jedenfalls im Park von der Villa mit sonem Ball rum. Find ich ja auch schon wieder unheimlich typisch, ne. Das zeigt doch jetzt wieder ganz konkret, dass die Null im Kopf hat. Ne normale Frau geht in ihrer Freizeit doch auf ne Demo, malt Plakate oder liest ein vernuenftiges Frauenbuch, wenn se nicht gerade Gruppe hat. Und was macht die da im Park? Spielt mit nem Ball rum, da schnallt man doch ab ! Aber dass passt natuerlich wieder voll in diese ganze Sozialisationskiste rein, irgendwie, finde ich. Also, jedenfalls, der Ball faellt der Frau dann wohl in deren Swimmingpool rein, und die geht total auf'm Zahnfleisch, weil se wohl nicht selber in der Lage is, den wieder rauszuangeln. Statt also die Roecke zu raffen und mal kurz in die Fluten zu huepfen, hockt die sich an den Rand und flennt erstmal, dass die Baeume wackeln. Sag ich ja, dass die voll die ganzen beknackten Verhaltensweisen von ihrer sozialen Herkunftsschicht geschluckt hat : kommt ein Problem, wird erstmal geflennt, statt ne Action zu starten. Ist ja auch echt toll fuer diese Chauvis, weil die dann natuerlich wieder irre gut dastehen und den dicken Macker markieren koennen. Darum laeuft die Kiste ja auch immer so. Weiss man ja. Naja, das fluppt natuerlich auch bei der irre prompt. Sofort erscheint son wahnsinnig schleimiger Typ am Beckenrand und macht auf _Retter in der Not_. Aber da ist die wohl an den absoluten _Oberchauvi_ geraten, die Frau. Der will naemlich auch noch ne Gegenleistung irgendwie. Aber, wenn man mal ueberlegt, eigentlich ist das ja immer so mit den Typen. Erst _schwaenzeln_ se um einen rum und dann machen se einen unheimlich fertig. Is doch so ! Jedenfalls, die Frau reagiert mal wieder echt symptomatisch und bietet diesem schleimigen Typ alles an, was se so an Konsum-Kiki hat : Schmuck, Fummel und son Plunder. Die blickt eben auch absolut Null durch. Was der Typ will, is doch logo. Der ist irre scharf auf die Frau und die Knete vom Alten, ist doch immer so. Naja, jedenfalls laesst sich die Frau wohl irgendwie bequatschen und laedt den Typ zum Essen ein. Und damit ist die Kiste dann gelaufen. Der Alte von der ist naemlich echt son total autoritaerer Bock. Der hat das ganze Meeting wohl inszeniert, um der Frau ne Partie zu verschaffen, die ihm reinlaeuft oder so. Und wie die Kerle so sind, machen se natuerlich gemeinsame Sache. Der Alte sorgt dafuer, dass der Typ seine Tochter irgendwo legen kann. Und sie macht natuerlich mit, weil se meint, das muesste so sein irgendwie. Der totale Klops ist dann aber der, dass se den Typ auf einmal echt unheimlich scharf findet, obwohl se den vorher am liebsten an die Wand geklatscht haette. Aber, ich sag ja, die Frau kann man(n) total vergessen. Bei der wuerde wahrscheinlich auch unsere Frauengruppe null Fisch ziehen.


Warum der Albatros einen durchgebogenen Schnabel hat

Eines Tages trafen sich auf einem an der Küste stehenden Baum der Albatros und das Chamäleon. Weil das kleine Kriechtier noch nie einen solchen gewaltigen Vogel gesehen hatte, änderte es vor Schreck seine Farbe und versuchte, auf den nächsten Baum zu springen.
"Du brauchst keine Angst zu haben", sagte der Albatros, der vergnügt dem Chamäleon zugeschaut hatte. "Ich tue dir kein Leid an. Ich möchte mich nur ein wenig von meinem Flug ausruhen."
"Wer bist du?" fragte nun das Chamäleon.
"Du kennst den alten Albatros nicht? Nun, ich bin das älteste Tier der Welt und fliege Tage und Nächte lang, ohne mich auszuruhen, über die weiten Meere dahin."
"So, so", murmelte das Chamäleon. "Deine Worte kann ich gar nicht recht glauben. Bis heute habe ich mich nämlich immer für das älteste Tier gehalten."
"Und weshalb?"
"Weil ich schon zu einer Zeit gelebt habe, als die Erde noch mit Wasser überschwemmt war. Um nicht zu ertrinken, mußte ich in die höchsten Wimpfel der Bäume klettern und mich dort festklammern. Deshalb habe ich noch heute Klammerfüße und einen Wickelschwanz."
"Da irrst du dich aber gewaltig, mein liebes Chamäleon. Ich habe nämlich schon gelebt, da war die Erde noch ein einziges Flammenmeer. Viele Jahre mußte ich mit meinen Eltern über dem brodelnden Hexenkessel, den wir heute Erde nennen, kreisen, ohne ein Plätzchen zu finden, auf dem wir uns niederlassen konnten. Siehst du meinen durchgebogenen Schnabel? Ich will dir erklären, wie es dazu gekommen ist.
Während wir über der feurigen Erde schwebten, starb meine Mutter. Und weil wir sie nicht dem alles verzehrenden Feuer preisgeben wollten, legte ich sie mir auf den Schnabel und zog weiter meine Kreise. Als kurze Zeit später auch mein Vater die Augen schloß, wußte ich mir keinen anderen Rat, als ihn zu der toten Mutter auf den Schnabel zu laden. Noch immer glühte die Erde, also mußte ich noch viele Jahre mit meiner traurigen Last durch die Luft schweben. Als ich endlich meine Eltern zur letzten Ruhe betten konnte, merkte ich, daß sich mein Schnabel im Laufe der Zeit durchgebogen hatte. Glaubst du nun, daß ich das älteste Tier dieser Erde bin?"
Als das Chamäleon den Schnabel des großen Sturmvogels aufmerksam betrachtet hatte, sagte es mit einer tiefen Verbeugung: "Das Chamäleon verneigt sich in tiefer Ehrfurcht vor dir. Es weiß jetzt, daß das älteste Tier der mächtige Albatros ist, der noch heute über die weiten Meere dahinsegelt."


Warum man nicht lügen soll

Vor langer Zeit lebte einmal ein Schäfer, der hatte eine riesige Schafherde. Fast jeden Tag wurden einige Lämmer geboren, und so wußte er bald nicht mehr, wie viele Tiere er besaß.
Dieser Schäfer war ständig zu lustigen Streichen aufgelegt. So kam es, dsaß er bald im ganzen Land als fröhlicher Spaßvogel bekannt war. Obwohl er nur selten mit Menschen zusammenkam, wußte er doch immer die neuesten Ereignisse.
Als er eines Tages seine Schafe vor den Toren der Hauptstadt weidete, kam ihm plötzlich ein seltsamer Gedanke. Er dachte, wie wäre es, wenn ich die trägen Bewohner der Hauptstadt einmal richtig in Angst und Schrecken versetzte. Er trieb deshalb seine Herde ganz nahe an die Stadtmauer heran und rief plötzlich um Hilfe.
"Ein Löwe will mich fressen! Helft mir aus meiner Not!"
Als die am Stadttor wachenden Königssoldaten die Hilferufe des Schäfers hörten, schlugen sie mit ihren großen Trommeln Alarm. Schon nach kurzer Zeit tauchten aus allen Stadttoren bis an die Zähne bewaffnete Männer auf, die glaubten, einen feindlichen Angriff auf ihre Vaterstadt abwehren zu müssen. Als sie zu ihrem Ärger jedoch auf der Hochebene vor der Stadt keinen einzigen feindlichen Krieger entdecken konnten, enstand bald ein heilloses Durcheinander. In das erregte Schreien der Stadtbewohner mischte sich das ängstlichen Blöken der auseinanderstiebenden Schafe. Die Männer der Hauptstadt waren über den üblichen Streich des Schäfers so zornig, daß sie beschlossen, ihn dem König vorzuführen.
Einige besonders wütenden jungen Männer fesselten den sich heftig wehrenden Spaßvogel und schleppten ihn zum Königspalast, wo er sogleich dem Herrscher vorgeführt wurde. Nachdem sich die Diener auf einen Wink ihres Herrn zurückgezogen hatten, sprach der König zu dem mit dicken Stricken gebundenen Schäfer: "Ich habe gehört, daß du unsere Hauptstadt zum Narren halten wolltest. Für deine schändliche Tat müßte ich dich für einige Tage ins Gefängnis werfen."
"Habt Gnade mit Eurem untertänigsten Diener", jammerte der Spaßvogel, "ich wollte die Bewohner der Stadt gar nicht ängstigen! Ich wollte nur wissen, ob die beiden am Haupttor wachenden Krieger wieder einmal schlafen, anstatt nach Feinden Ausschau zu halten. Daß die beiden dummen Kerle gleich Alarm geschlagen haben, ohne nachzusehen, ob überhaupt Gefahr droht, kann mir gerechtigerweise nicht zum Vorwurf gemacht werden."
"Wenn du wirklich nur die beiden Schlafmützen am Haupttor aufwecken wolltest, dann will ichdich aus deinen Fesseln befreien lassen", sprach der König und rief seine Diener herbei. Als der Schäfer sich wieder frei bewegen konnte, dankte er seinem Herrn für seine Großmut und verließ vergnügt den königlichen Palast. Es kostete ihn viel Mut, die nach allen Richtungen geflohenen Schafe wieder zusammenzutreiben. Einige junge Leute, die sich darüber ärgerten, daß der Schäfer vom König so schnell wieder freigelassen worden war, machten sich einen Spaß daraus, die verängstigten Schafe noch weiter zu zerstreuen.
Das Gespött der Leute wurde für den Schäfer so unerträglich, daß er beschloß, niemals wieder in seinem Leben die Unwahrheit zu sagen. Auch die Hauptstadt wollte er nicht mehr betreten; denn dort sah jedermann in ihm nur noch einen Lügner. 
Als die Nacht hereinbrach, legte er sich am Fuß der Stadtmauern inmitten seiner Schafe zur Ruhe. Plötzlich wurde er durch lautes Gebell seiner Hunde aus dem Schlaf gerissen. Er rieb sich schlaftrunken die Augen, konnte in der Dunkelheit aber nichts Verdächtiges entdecken.
Da hörte er ganz in der Nähe den Todesschrei eines Lämmchens, und im gleichen Augenblick sah er auch schon einen riesigen Schatten.
"Das ist ein Löwe", schoß es ihm durch den Kopf. "Ich muß sofort Alarm schlagen, sonst zerreißt er meine ganze Herde."
Er rief laut um Hilfe, um die Bewacher der Stadttore auf seine Not aufmerksam zu machen.
Als die in der Nähe wachenden Soldaten die Hilferufe des Schäfers vernahmen, sagte der Hauptmann der Torwache mit verächtlichem Lächeln zu seinen Leuten: "Der alte Narr glaubt wohl, wir würden noch einmal auf seinen Scherz reinzufallen und die ganze Stadt in Angst und Schrecken zu versetzen. Wenn er merkt, daß wir seinen Löwengeschichten keinen Glauben mehr schenken, wird er sich bald beruhigen!"
Mit diesen Worten kehrte der Hauptmann in seine Hütte zurück und befahl seinen Soldaten, sich ebenfalls zur Ruhe zu legen.
Am nächsten Morgen wurden die Torwachen von einem der Hunde des Schäfers geweckt. Das Tier gebärdete sich wie toll und versuchte, einen der Soldaten mitzuzerren.
"Der Hund will uns etwas zeigen", sagte schließlich einer der Wachsoldaten, der als guter Tierkenner bekannt war.
"Wir wollen sehen, wo er uns hinführt."
Drei der Torwachen folgten dem treuen Tier auf die Hochfläche vor der Stadt. Als sie die weit verstreuten Schafe erblickten, sagte einer von ihnen: "Wo ist nur der Schäfer? Er hält doch sonst seine Herde sorgfältig zusammen."
"Er muß dort drüben an der Stadtmauer liegen", meinte ein anderer. "Der Hund läuft auch geradewegs auf die Stelle zu."
Beim Näherkommen bot sich den Männern ein fürchterlicher Anblick. Der Schäfer lag in einer großen Blutlache und gab kein Lebenszeichen mehr von sich.
Die Soldaten sahen sofort, dsaß hier ein Löwe gewütet hatte.
"Der König der Tiere hat ihm die Lüge nicht verziehen", dachten die Soldaten und kehrten in die Stadt zurück, um ihrem Herrscher die Nachricht zu überbringen.
Der König entschied, daß man den toten Schäfer an der Stelle beerdigen solle, an der er von dem Löwen zerrissen worden war. Über dem Grab des Toten ließ er später einen großen Stein aufrichten, auf dem das traurige Ende des Lügners für jedermann sichtbar in einem Bild dargestellt wurde.
In dieser Stadt erzählen die Eltern ihren Kindern noch heute die Geschichte vom traurigen Ende des lügnerischen Schäfers als warnendes Beispiel.


Das kleine Kind und der Kürbisbaum

Ein Märchen aus Island

Es war einmal eine arme Witwe, die hatte sechs Kinder. Als sie eines Tages aus dem Haus ging, um sich nach etwas Eßbarem umzusehen, sie war wirklich sehr arm, traf sie einen alten Mann, der am Flußufer saß.
"Guten Morgen", sagte er zu ihr.
"Guten Morgen, Väterchen", antwortete sie ihm.
"Willst du mir die Haare waschen?" fragte er sie.
Sie sagte ja und wusch sie ihm. Als sie weggehen wollte, gab er ihr eine kleine Münze und befahl ihr, ein Stück weit zu gehen, dort würde sie einen großen Baum voller Kürbisse sehen, da sollte sie neben den Wurzeln des Baumes ein Loch graben und das Geldstück vergraben; und wenn sie das alles getan hätte, sollte sie so viele Kürbisse verlangen, wie sie wollte, und sie würde sie auch bekommen.
Da ging die Frau und tat, wie ihr geheißen war, und sie bat um sechs Kürbisse, einen für jedes Kind, und sechs fielen herunter, und sie trug sie heim; nun hatten sie stets genug Kürbisse zu essen, denn wann immer ihnen der Sinn nach Kürbissen stand, mußte die Frau nur zu dem Baum gehen und darum bitten und sie bekam so viele, wie sie wollte.

Als die Frau eines Morgens aufstand, fand sie vor der Tür ein kleines Baby, das hob sie auf, trug es ins Haus und nahm es in ihre Obhut. Sie ging jeden Tag aus dem Haus, aber morgens kochte sie immer genug Kürbisse, damit die Kinder den ganzen Tag zu essen hatten. Als sie eines Tages nach Hause kam, waren alle Vorräte verschwunden, da schimpfte sie ihre Kinder und schlug sie, weil sie alles aufgegessen hatten. Die Kinder sagten, sie hätte nichts genommen, es sei das Baby gewesen, aber sie wollte ihnen nicht glauben und sagte: "Wie soll denn so ein kleines Baby aufstehen und sich selbst etwas nehmen?" Trotzdem bestanden die Kinder darauf, daß es das Baby gewesen sei. Deshalb gab sie, als sie wieder einmal aus dem Haus ging, etwas Kürbis in eine Kalebasse und stellte eine Falle darauf. Kaum war sie aus dem Haus, stand das Baby wie immer auf, um die Speise zu essen, und es geriet mit dem Kopf in die Falle, so daß es sich nicht mehr befreien konnte. Da fing es an, seinen Kopf hin und her zu werfen und laut zu schreien: "Bitte, helft mir hier raus, wenn mich die Frau so findet, bringt sie mich um!" Als die Frau hereinkam, sah sie das Baby in der Falle gefangen, also verpaßte sie ihm eine ordentliche Tracht Prügel, setzte es vor die Tür und bat ihre Kinder um Verzeihung, daß sie ihnen Unrecht getan hatte.

Nachdem sie das Baby vor die Tür gesetzt hatte, verwandelte es sich in einen ausgewachsenen Mann; der ging zum Fluß und sah dort am Flußufer den alten Mann sitzen, der ihn fragte, ob er ihm die Haare waschen wolle, so wie er schon die arme Frau gebeten hatte, aber der Mann sagte: "Nein, ich will deine dreckigen Haare nicht waschen", und verabschiedete sich von dem alten Mann.
Da fragte ihn der alte Mann, ob er gern einen Kürbis hätte, er sagte ja, und der alte Mann befahl ihm, solange weiterzugehen, bis er zu einem großen Baum voller Kürbisse käme, dort sollte er nur um einen bitten. Also ging er, bis er zu dem Baum kam, und die Kürbisse sahen so verlockend aus, daß ihm einer nicht genügen wollte; also rief er: "Zehn Kürbisse sollen herunterkommen!", und die zehn Kürbisse fielen herunter und zerschmetterten ihn.


Das Mädchen das mit den Birnen verkauft wurde

Italo Calvino

Ein Mann hatte einen Birnbaum, der trug im Jahr vier Körbe Birnen. Einmal nun trug er nur dreieinhalb Körbe voll, der Mann aber mußte dem König vier bringen. Da er nicht wußte, wie er den vierten Korb füllen sollte, legte er seine kleinste Tochter hinein und bedeckte sie mit Birnen und Blättern.

Die Körbe wurden in die Speisekammer des Königs getragen, das kleine Mädchen aber rollte zusammen mit den Birnen heraus und verbarg sich. Da steckte sie nun in der Speisekammer, und da sie nichts anderes zu essen vorfand, knabberte sie an den Birnen. Nach einer Weile bemerkten die Diener, daß der Vorrat an Birnen abnahm, und sie fanden auch die Kerngehäuse. Sie sagten: "Hier muß eine Maus oder ein Maulwurf sein, der die Birnen annagt, wir müssen einmal nachschauen. " Und als sie zwischen den Strohmatten herumstöberten, entdeckten sie das kleine Mädchen.
Sie fragten: "Was machst du denn hier? Komm mit uns, du kannst in der Küche des Königs Dienste tun."
Sie nannten sie Birnchen, und Birnchen war so tüchtig, daß sie die Arbeiten bald besser zu verrichten wußte als die Mägde des Königs; dazu war sie so anmutig, daß sie aller Herzen gewann. 
Auch der Königssohn, der in ihrem Alter war, war immer mit Birnchen zusammen, und zwischen ihnen beiden entstand eine große Zuneigung.
Mit dem Heranwachsen des Mädchens wuchs auch der Neid der Dienerinnen. Eine Weile lang verhielten sie sich ruhig, mit der Zeit aber ersannen sie Böses. So verbreiteten sie, Birnchen habe sich gerühmt, den Schatz der Hexen zu erbeuten. Das Gerücht drang auch zu den Ohren des Königs. Der ließ sie rufen und fragte sie: " Ist es wahr, daß du dich gerühmt hast, du wolltest den Schatz der Hexen rauben?"
Birnchen sprach: "Nein, Heilige Krone, das ist nicht wahr. Ich weiß von nichts."
Doch der König ließ nicht locker. "Du hast es gesagt, und du mußt dein Wort halten." Und er verwies sie so lange aus dem Schloß, bis sie ihm den Schatz bringen würde.

Sie ging und ging, bis es Nacht wurde. Birnchen kam zu einem Apfelbaum, verweilte aber nicht. Sie kam zu einem Pfirsichbaum, verweilte aber nicht. Sie kam zu einem Birnbaum, kletterte in die Zweige und schlief ein.
Am Morgen darauf saß ein altes Mütterchen am Fuß des Birnbaums. "Was machst du da oben, schönes Töchterlein?" fragte das alte Mütterchen.
Und Birnchen erzählte ihr von der Not, in der sie sich befand. Das Mütterchen sagte: " Hier hast du drei Pfund Schweinefett, drei Pfund Brot und drei Pfund Mohrenhirse! Geh immer weiter geradeaus!" Birnchen dankte ihr von Herzen und setzte ihren Weg fort.
Sie kam an eine Stelle, an der sich ein Backofen befand. Dort standen drei Frauen, die rissen sich die Haare aus, um den Backofen damit zu fegen. Birnchen gab ihnen die Mohrenhirse, und sie fegten den Backofen nun mit der Mohrenhirse und ließen sie vorbei.
Und sie wanderte immer weiter, bis sie an eine Stelle kam, wo drei Fleischerhunde lagen. Die bellten und fielen die Leute an. Birnchen warf ihnen die drei Pfund Brot hin, und sie ließen sie ungehindert ziehen.
Und nach langem Wandern kam sie an einen Fluß; der hatte rotes Wasser, das sah wie Blut aus, und sie wußte nicht, wie sie hinüberkommen sollte.
Das Mütterchen aber hatte ihr gesagt, sie sollte rufen:

Wässerlein, schönes Wässerlein
Würde ich nicht so in Eile sein,
tränk ich gewiß von dir ein Schüsselein.

Auf diese Worte hin zog sich das Wasser zurück und ließ sie durchgehen.
Jenseits des Flusses sah Birnchen einen der schönsten und größten Paläste von der Welt. Doch das Tor öffnete und schloß sich derart rasch, daß niemand einzutreten vermochte. Da schmierte Birnchen mit den drei Pfund Schmalz die Türangeln, und das Tor begann sich sanft zu öffnen und zu schließen.

Beim Betreten des Palastes erspähte Birnchen sogleich den Schatzkasten auf einem der Tische. Sie nahm in an sich und wollte davoneilen, als der Kasten zu sprechen begann.
"Tor, drücke sie tot, drücke sie tot!" sagte der Kasten.
Doch das Tor erwiderte: "Nein, das tue ich nicht, denn ich bin lange Zeit nicht geschmiert worden, sie aber hat mich geschmiert."
Birnchen kam zum Fluß, und der Kasten rief: "Fluß, ertränke sie, Fluß, ertränke sie!"
Aber der Fluß entgegnete: "Nein, ich ertränke sie nicht, denn sie hat mich 'Wässerlein, schönes Wässerlein' genannt."
Sie kamen zu den Hunden, und der Kasten sprach: "Hunde, freßt sie auf, Hunde, freßt sie auf!"
Aber die Hunde: "Nein, wir fressen sie nicht, denn sie hat uns drei Pfund Brot gegeben."
Sie gelangten zum Backofen. "Backofen, verbrenne sie, Backofen, verbrenne sie!"
Aber die Frauen: "Nein, wir verbrennen sie nicht, denn sie hat uns drei Pfund Mohrenhirse geschenkt, und wir können jetzt unsere Haare schonen."

Birnchen war schon fast in der Nähe ihres Hauses, da wollte sie, neugierig wie alle kleinen Mädchen, sehen, was in dem Kasten drin war. Sie öffnete ihn, und im Nu entwich eine Henne mit goldenen Küken. Sie trippelten so geschwind davon, daß man sie nicht einholen konnte. Birnchen lief hinter ihnen her. Sie kam zum Apfelbaum, fand sie aber nicht; sie kam zum Pfirsichbaum, fand sie aber nicht; sie kam zum Birnbaum, da saß das alte Mütterchen mit einer Gerte in der Hand und hütete die Henne mit den goldenen Küken. "Husch, husch", machte die Alte, und die Henne mit den Goldküklein schlüpfte wieder in den Kasten.

Als Birnchen auf dem Heimweg war, kam ihr der Königssohn entgegen. "Wenn mein Vater dich fragt, was du als Belohnung haben möchtest, so sagst Du, du möchtest die Kiste mit Kohlen haben, die im Keller steht."
Auf der Schwelle des Königspalastes waren die Mägde, der König und der ganze Hofstaat versammelt, und Birnchen überreichte dem König die Henne mit den Goldküklein. "Verlange, was du willst, ich werde es dir geben." sagte der König.
Birnchen bat: "Die Kohlenkiste, die im Keller steht." Sie brachten ihr die Kohlenkiste, sie öffnete sie, und heraus sprang der Königssohn, der sich darin versteckt hatte. Da willigte der König ein, daß Birnchen seinen Sohn heiratete.


Das dürre Land

Ein kleines junges Mädchen, mittellos, auf der Haut nur einen aus Stoffetzen zusammengesetztes Laibchen tragend, saß jeden Abend an einem Brunnen hinter einer Lehmhütte auf einen Stein. Sie schaute traurig drein, weil der Anblick ihres Landes, der sich ihr bot, einfach fürchterlich war. Die strahlende, nimmer vergehende Sonne trocknete das Land so fürchterlich aus, daß nichts mehr blühte und es nur noch staubig und grau ausschaute.

Wenn sie so des Abend dort saß, kamen alsbald eine Schar von buntgemischten Vögel am Himmel geflogen und ließen sich nieder vor ihr und trauerten mit ihr, um das durstige Land. Das Mädchen seufzte vor sich hin: <MENU>"Ach' würd' es doch mal wieder im Land regnen. So könnten all die schönen bunten Gräser, Wiesen und Felder ihre voll Blütenpracht zeigen und das Land würde nicht so staubig und grau ausschauen." </MENU>

Mit einem hilfesuchenden fragende Blick schaute sie die Vögel an und sprach:

<MENU>"Wißt ihr keinen Rat?" </MENU>

Die Vögel zwitscherten hin und zwitscherten her, aufregend und unaufhaltsam. Ein heidenloses Durchein- ander von feien Stimmen schallte durch die Luft. Da sprach der Weiseste aller Vögel:

<MENU>"Was würdest du tun, wenn du an unserer Stelle wärest?" </MENU>

Ohne großartig zu überlegen, antwortete das Mädchen:

<MENU>"Hätte ich so Flügel wie ihr und der Anzahl so viele wie ihr, würde ich mich in die Lüfte begeben und zu den Quellen des Wassers fliegen, meine Schnäbelchen voll Wasser schöpfen und mich geschwind auf den Rückweg begeben." </MENU>

Das Mädchen hatte noch nicht ganz ausgesprochen, da wurde es unruhig um sie herum. Die gesellige Vogelschar wußte was sie zu tun hatte und flog sofort in die Lüfte. Bald schon konnte man sie nicht mehr sehen.

Einige Tage vergingen, die das Mädchen alleine am Abend an dem Brunnen verbrachte und in ihren traurigen, aber nunmehr hoffnungsvollen Gedanken, verweilte. Die Abendsonne war noch so kräftig, daß ihm die Schweißperlen über das Gesicht liefen. Plötzlich wurde es jedoch von Mal zu Mal immer schattiger.

Ein schwarzer Punkt breitete sich am Himmel aus. Er kam immer dichter auf das kleine Mädchen zugeflogen und die Sonne verschwand zusehens hinter diesem schwarzen Punkt. Bald schon konnte das Mädchen erkennen, was der schwarze Punkt am Himmel war.
Es waren all ihre Vögel, und nicht nur ihre Vögel, sondern noch viele mehr, die am Himmel die Sonne verdunktelte. Es war fast unheimlich, aber das kleine Mädchen wußte, das es nichts Bösartiges war, sondern nur Gutes heißen würde, was in den nächsten Minuten passieren würde. Die Sonne verschwand nunmehr ganz, und plötzlich fing es in ganz vielen Tröpchen an zu regnen. Ganz viele kleine Vögelschnäbel öffneten sich und ließen das Wasser aus den Quellen, woraus sie es geschöpft hatten, aufs Land tropfen. Immer mehr Vögel kamen des Himmels geflogen und es hat wahnsinnig lange gedauert, bis es aufgehört hat.

Das Mädchen hat das Ende des Regens nicht mehr mitbekommen. Sie ging zeitig zu Bett und bedankte sich vorher noch bei den Vögeln, daß sie dem Land geholfen haben.


Am äußersten Meer


Ein paar große Schiffe waren hoch hinauf nach dem Nordpol ausgesandt, um zu erforschen, wie weit das Land dort in das Meer reichte und festzustellen, wie weit Menschen dort vordringen könnten. Schon seit Jahr und Tag waren sie unter großen Beschwerlichkeiten zwischen Nebel und Eis dort oben umher gesteuert. Nun hatte der Winter begonnen, die Sonne verschwand, lange, lange Wochen würden hier zu einer einzigen Nacht werden. Alles ringsum war ein einziges Stück Eis, und fest lag darin das Schiff vertäut, der Schnee lag hoch und aus dem Schnee selbst wurden bienenkorbähnliche Hütten errichtet, einige waren groß, wie unsere Hünengräber, andere nicht größer, als daß sie zwei oder vier Männer fassen könnten. Aber dunkel war es nicht; die Nordlichter glänzten rötlich und blau, es war wie ein ewiges großes. Der Schnee leuchtete, die Nacht hier war eine lange schimmernde Dämmerung. In der hellsten Zeit kamen Scharen von Eingeborenen herbei, wunderlich anzusehen mit ihren behaarten Pelzröcken und Schlitten, die aus Eisstücken gezimmert waren. Felle in großen Haufen brachten sie mit, und die Schneehütten erhielten dadurch warme Teppiche. Die Felle dienten als Decken und Betten, wenn sich die Matrosen ihr Lager unter der Schneekuppel zurechtmachten, während es draußen fror, daß der Schnee knirschte, wie wir es auch in der strengsten Winterszeit nicht kennen lernen. Bei uns waren noch Herbsttage, daran dachten sie mitunter dort oben. Sie erinnerten sich der Sonnenstrahlen in der Heimat und des rotgelben Laubes, das an den Bäumen hing. Die Uhr zeigte, daß es Abend und Schlafenszeit war, und in einem von den Schneehütten streckten sich schon zwei zur Ruhe aus. Der Jüngere hatte seinen besten, reichsten Schatz von zuhause mit, den ihm die Großmutter vor der Abreise gegeben hatte. Es war die Bibel. Jede Nacht lag sie unter seinem Kopfe, er wußte seit seiner Kindheit, was darin stand; jeden Tag las er ein Stück und auf seinem Lager kam ihm oft tröstend der Gedanke an das heilige Wort: "Ginge ich auf Flügeln der Morgenröte und wäre am äußersten Meer, so würde doch Deine Hand mich führen und Deine Rechte mich halten!" Und unter diesen gläubigen Worten der Wahrheit schloß er seine Augen und der Schlaf kam mit seinen Träumen, des Geistes Offenbarungen in Gott. Die Seele blieb lebendig auch unter der Ruhe des Körpers; er vernahm es wie Melodien von altbekannten, lieben Liedern; es wehte so mild, so sommerwarm, und von seinem Lager sah er es über sich leuchten, als würde die Schneekuppel von außen her durchstrahlt; er hob sein Haupt, das strahlende Weiße war nicht die Wand oder die Decke, es waren die großen Schwingen an eines Engels Schultern, und er blickte empor in sein milde leuchtendes Antlitz. Aus der Bibel Blätter, wie aus dem Kelch einer Lilie, erhob sich der Engel, er breitete seine Arme weit aus und die Wände der Schneehütte versanken ringsum wie ein luftiger Nebelschleier. Der Heimat grüne Felder und Hügel mit den rotbraunen Wäldern lagen rundum im stillen Sonnenglanzte eines herrlichen Herbsttages. Das Nest der Störche stand leer, aber noch hingen die Äpfel an dem wilden Apfelbaum, ob auch die Blätter längst gefallen waren. Die roten Hagebutten leuchteten, und der Star flötete in dem kleinen grünen Bauer über dem Fenster des Bauernhauses, wo das Heim seiner Heimat war. Der Star flötete, wie er es gelernt hatte, und die Großmutter hing Vogelmiere in den Käfig, wie es der Enkel immer getan hatte. Und die Tochter des Schmieds stand so jung und schön am Brunnen und zog das Wasser herauf, sie nickte der Großmutter zu, und die Großmutter winkte und zeigte einen Brief von weit, weit her. Heute Morgen war er aus den kalten Ländern gekommen, hoch oben vom Nordpole her, wo der Enkel war - in Gottes Hand. Und sie lachten und weinten, und er, der unter Eis und Schnee in der Welt des Geistes unter den Schwingen des Engels alles dies sah und hörte, lachte und weinte mit ihnen. Und aus dem Brief selbst wurden laut die Bibelworte vorgelesen:
"Am äußersten Meer würde doch Deine Hand mich führen und Deine Rechte mich halten!" - Wie herrlicher Orgelklang ertönte es ringsum und der Engel senkte seine Schwingen wie einen Schleier um den Schlafenden. Der Traum war zuende - es war dunkel in der Schneehütte, aber die Bibel lag unter seinem Haupte, und Glaube und Hoffnung lagen in seinem Herzen; Gott und die Heimat waren mit ihm - "am äußersten Meere!"


Alles am rechten Platz


Es ist über hundert Jahre her.
Da lag hinter dem Walde an dem großen See ein alter Herrenhof, der war rings von tiefen Gräben umgeben, in denen Kolbenrohr, Schilf und Röhricht wuchsen.
Drüben vom Hohlwege herüber erklangen Jagdhornruf und Pferdegetrappel, und deshalb beeilte sich das kleine Gänsemädchen, die Gänse auf der Brücke zur Seite zu treiben, ehe die Jagdgesellschaft herangaloppiert kam.
Sie kamen so geschwind daher, daß sie hurtig auf einen der großen Steine an der Seite der Brücke springen mußte, um nicht unter die Hufe zu kommen. Ein halbes Kind war sie noch, fein und zierlich, doch mit einem wunderbaren Ausdruck im Antlitz und in den großen, hellen Augen; aber das sah der Gutsherr nicht. Während seines sausenden Galopps drehte er die Peitsche in seiner Hand, und in roher Lust stieß er sie mit dem Schafte vor die Brust, daß sie hintenüber fiel.
"Alles am rechten Platze!" rief er, "in den Mist mit Dir." Und dann lachte er; denn es sollte ein guter Witz sein, und die anderen lachten mit. Die ganze Gesellschaft schrie und lärmte und die Jagdhunde bellten, es war ganz wie im Liede: "Reiche Vögel kommen geflogen."
Gott weiß, wie reich er damals war.
Das arme Gänsemädchen griff um sich, als sie fiel und bekam einen der herabhängenden Weidenzweige zu fassen. An diesem hielt sie sich krampfhaft über dem Schlamm, und sobald die Herrschaft und die Hunde im Tore verschwunden waren, versuchte sie, sich heraufzuarbeiten. Aber der Zweig brach oben am Stamme ab und das Gänsemädchen fiel schwer zurück ins Rohr. Im selben Augenblick griff von oben her eine kräftige Hand nach ihr. Es war ein wandernder Hausierer, der ein Stückchen weiter davon zugesehen hatte und sich nun beeilte, ihr zu Hülfe zu kommen.
"Alles am rechten Platze!" sagte er höhnend hinter dem Gutsherrn her und zog sie auf das Trockene. Den abgebrochenen Zweig drückte er gegen die Stelle, wo er sich abgespalten hatte, aber "alles am rechten Platze" läßt sich nicht immer tun. Deshalb steckte er den Zweig in die weiche Erde. "Wachse, wenn Du kannst und schneide denen dort oben auf dem Hofe eine gute Flöte." Er hätte dem Gutsbesitzer und den seinen wohl einen tüchtigen Spießrutenmarsch gegönnt. Dann ging er in den Herrenhof, aber nicht oben in den Festsaal, dazu war er zu geringe. Er ging zu den Dienstleuten in die Gesindestube und sie beschauten seine Waren und handelten. Aber oben von der Festtafel tönte Gekreisch und Gebrüll, das sollte Gesang vorstellen, sie konnte es nicht besser. Es klang Gelächter und Hundegebell. Es war ein wahres Freß- und Saufgelage. Wein und altes Bier schäumten in Gläsern und Krügen und die Leibhunde fraßen mit. Ein oder das andere von den Tieren wurde von den Junkern geküßt, nachdem sie ihnen erst mit den langen Hängeohren die Schnauzen abgewischt hatten. Der Hausierer wurde mit seinen Waren heraufgerufen, aber nur, damit sie ihre Späße mit ihm treiben konnten. Der Wein war drinnen und der Verstand draußen. Sie gossen Bier für ihn in einen Strumpf, daß er mittrinken könne, aber geschwind! Das war nun ein außerordentlich feiner Einfall und sehr zum Lachen. Ganze Herden Vieh, Bauern und Bauernhöfe wurden auf eine Karte gesetzt und verloren.
"Alles am rechten Fleck!" sagte der Hausierer, als er wohlbehalten aus dem Sodom und Gomorra, wie er es nannte, entronnen war. "Die offene Landstraße, das ist der rechte Platz für mich, dort oben war mir nicht wohl zumute." Und das kleine Gänsemädchen nickte ihm von der Feldgrenze aus zu.
Und es vergingen Tage und es vergingen Wochen, und es zeigte sich, daß der abgebrochene Weidenzweig, den der Hausierer neben dem Wassergraben in die Erde gesteckt hatte, sich ständig grün hielt, ja er trieb sogar neue Zweige. Das kleine Gänsemädchen sah, daß er Wurzel gefaßt haben mußte und sie freute sich von ganzem Herzen darüber, denn es war ihr, als gehöre der Baum ihr.
Ja, mit dem Baume ging es vorwärts, aber mit allem anderen auf dem Hofe ging es durch Trunk und Spiel mit großen Schritten rückwärts. Das sind zwei Rollen, auf denen nicht gut stehen ist.
Nicht ganz sechs Jahre waren vergangen, da wanderte der Gutsherr mit Sack und Stock, als armer Mann, vom Hofe. Der wurde von einem reichen Hausierer gekauft und es war derselbe, der einst dort zum Spott und Gelächter gemacht worden war, als man ihm Bier in einem Strumpfe darbot. Aber Ehrlichkeit und Fleiß geben guten Fahrwind. Nun war der Hausierer der Herr auf dem Hofe. Und von Stund an kam kein Kartenspiel mehr dorthin. "Das ist eine schlechte Lektüre," sagte er, "sie entstand damals, als der Teufel das erste Mal die Bibel zu Augen bekam. Er wollte daraus ein Zerrbild schaffen, das ebenso große Anziehungskraft besäße, so erfand er denn das Kartenspiel."
Der neue Herr nahm sich eine Frau, und wer war sie? Es war das kleine Gänsemädchen, das immer sittsam, fromm und gut gewesen war. In den neuen Kleidern sah sie so fein und schön aus, als sei sie als vornehme Jungfrau geboren. Wie ging das zu? Ja, das würde eine zu lange Geschichte für unsere eilfertige Zeit werden, aber es war nun einmal so, und das Wichtigste kommt nun.
Gesegnet und gut war es auf dem alten Hofe. Die Hausmutter stand selbst dem inneren Hause vor und der Hausherr dem äußeren; es war gerade, als quelle der Segen überall hervor, und wo Wohlstand ist, kommt Wohlstand ins Haus. Der alte Hof wurde geputzt und gestrichen, die Gräben gereinigt und Obstbäume gepflanzt. Freundlich und gepflegt sah es hier aus und die Fußböden in den Zimmern waren blank wie poliert. In dem großen Saale saß an den Winterabenden die Hausfrau mit allen ihren Mägden und spann Wolle und Leinen. An jedem Sonntagabend wurde laut aus der Bibel vorgelesen, und zwar von dem Kommerzialrat selbst, denn der Hausierer war Kommerzialrat geworden, aber erst in seinen alten Tagen. Die Kinder wuchsen heran - denn Kinder waren auch gekommen - und alle lernten etwas Rechtes; sie hatten nicht alle gleich gute Köpfe, aber das geht ja in einer jeden Familie so.
Der Weidenzweig draußen war ein großer, prächtiger Baum geworden, der frei und unbeschnitten dastand. "Das ist unser Stammbaum" sagten die alten Leute, "und der Baum soll in Achtung und Ehren gehalten werden!" sagten sie zu den Kindern, auch zu denen, die keinen guten Kopf mitbekommen hatten.
Und nun waren darüber hundert Jahre vergangen.
Es war in unserer heutigen Zeit. Der See war zu einem Moor geworden und der alte Herrenhof war gleichsam wie weggewischt. Eine längliche Wasserpfütze mit ein wenig Steinumrandung an den Seiten war der Rest der tiefen Gräben, und hier stand ein prächtiger alter Baum, der seine Zweige ausbreitete. Das war der Stammbaum. Er stand und zeigte, wie schön ein Weidenbaum sein kann, wenn er wachsen darf, wie er Lust hat. - Er war freilich mitten im Stamme geborsten, von der Wurzel bis zur Krone hinauf und der Sturm hatte ihn ein wenig geneigt, aber er stand, und aus allen Rissen und Spalten, in die der Wind Erde hineingeweht hatte, wuchsen Gras und Blumen. Besonders ganz oben, wo die großen Zweige sich teilten, war gleichsam ein hängender kleiner Garten mit Himbeeren und Vogelgras, ja, auch ein winzig kleiner Vogelbeerbaum hatte dort Wurzel gefaßt und stand schlank und fein in der Mitte oben auf dem alten Weidenbaum, der sich in dem schwarzen Wasser spiegelte, wenn der Wind die Wasserlinien in eine Ecke der Wasserpfütze getrieben hatte. Ein schmaler Fußsteig über den Fronacker führte dicht hier vorbei.
Hoch auf dem Hügel am Walde, mit einer herrlichen Aussicht, lag das neue Schloß, groß und prächtig, mit Glasfenstern, so klar, daß man hätte glauben mögen, es seien gar keine darin. Die große Treppe vor der Tür sah wie eine Laube aus Rosen und großblättrigen Pflanzen aus. Die Grasflächen waren so sauber gehalten und so grün, als ob nach jedem Halm abends und morgens gesehen würde. Drinnen im Saale hingen kostbare Gemälde und mit Seide und Samt bezogene Stühle und Sofas, die fast auf ihren eigenen Beinen einhergehen konnten, Tische mit blanken Marmorplatten und Bücher in Saffian und Goldschnitt gebunden, standen da .... Ja, es waren wohl freilich reiche Leute, die hier wohnten, es waren vornehme Leute; hier wohnten Barone.
Eins paßte zum anderen. "Alles am rechten Fleck" sagten auch sie, und deshalb waren alle Gemälde, die einmal dem alten Hofe zu Schmuck und Ehre gereicht hatten, nun im Gange, der nach der Dienerkammer führte, aufgehängt worden. Es war ja altes Gerümpel, besonders zwei alte Porträts, die einen Mann in rosenrotem Rocke mit einer Perücke und eine Dame mit gepudertem, hoch frisierten Haar und einer roten Rose in der Hand darstellten, aber beide mit dem gleichen großen Kranze von Weidenzweigen umgeben. Es waren viele runde Löcher in den beiden Bildern, das kam daher, daß die kleinen Barone immer ihre Flitzbogen auf beiden alten Leute abschossen. Das war der Kommerzialrat und die Kommerzialrätin, von denen das ganze Geschlecht abstammte.
"Sie gehören aber nicht richtig in unsere Familie" sagte einer der kleinen Barone. "Er war ein Hausierer gewesen und sie eine Gänsemagd. Sie waren nicht so wie Papa und Mama."
Die Bilder waren altes, häßliches Gerümpel, und "alles am rechten Fleck" sagte man, und so kamen Urgroßvater und Urgroßmutter auf den Gang zur Dienerkammer.
Der Pfarrersohn war Hauslehrer auf dem Schloße. Eines Tages ging er mit den kleinen Baronen und ihrer älteren Schwester, die gerade kürzlich eingesegnet worden war, spazieren. Dabei kamen sie den Fußsteg entlang und zu dem alten Weidenbaume herunter. Und während sie gingen, band sie einen Feldblumenstrauß; "alles am rechten Fleck," er wurde ein kleines Kunstwerk. Währenddessen hörte sie aber doch recht gut alles, was gesagt wurde, und sie freute sich, wie der Pfarrersohn von den Kräften der Natur und der Geschichte großer Männer und Frauen erzählte; sie war eine gesunde, prächtige Natur, voller Adel des Geistes und der Seele und mit einem Herzen, das alles von Gott Erschaffene freudig umfaßte.
Sie machten unten bei dem alten Weidenbaume halt. Der kleinste der Barone wollte gern eine Flöte geschnitten haben, wie er sie schon oft von Weidenbäumen bekommen hatte, und der Pfarrersohn brach einen Zweig ab.
"O, tun sie es nicht" sagte die junge Baronesse; aber es war schon geschehen. "Das ist ja unser alter, vielberühmter Baum. Ich habe ihn so gern. Deshalb werde ich oft zuhause ausgelacht, aber das tut nichts. Es umschwebt eine Sage den Baum."
Und nun erzählte sie alles, was wir über den Baum gehört haben, über den alten Herrenhof, über das Gänsemädchen und den Hausierer, die sich hier begegneten und die Stammeltern des vornehmen Geschlechtes und auch der jungen Barone wurden.
"Sie wollten sich nicht adeln lassen, die alten, biederen Leute" sagte sie. "Sie hatten den Wahlspruch: Alles am rechten Platze und sie meinten, nicht dahin zu kommen, wenn sie sich durch Geld erhöhen ließen. Ihr Sohn, mein Großvater, war es, der Baron wurde; er soll ein großes Wiesen besessen haben und hoch angesehen bei Prinzen und Prinzessinnen gewesen sein. Er war bei allen ihren Festen dabei. Ihn verehren die anderen zuhause am meisten, aber ich weiß selbst nicht, für mich ist etwas an dem alten Paar, was mein Herz zu ihnen zieht. Es muß so gemütlich und patriarchalisch auf dem alten Hofe gewesen sein, wo die Hausmutter saß und mit allen ihren Mägden spann und der alte Herr laut aus der Bibel vorlas."
"Es waren prächtige Leute, vernünftige Leute" sagte der Pfarrersohn; und dann geriet das Gespräch in das Fahrwasser von Adel und Bürgertum und es war fast, als gehöre der Pfarrersohn nicht zur Bürgerschaft, so hob er die Vorzüge hervor, von Adel zu sein.
"Es ist ein Glück, zu einem Geschlechte zu gehören, das sich ausgezeichnet hat, und gleichsam schon in seinem Blute den Ansporn zu haben, nach allem Tüchtigen vorwärts zu streben. Herrlich ist es, eines Geschlechtes Namen zu tragen, der den Zugang zu den ersten Familien gewährleistet. Adel bedeutet edel, das ist wie eine Goldmünze, die ihren Wert aufgeprägt erhalten hat. Es liegt im Zuge der Zeit, und viele Dichter stimmen natürlich in diesen Ton ein, daß alles, was adlig ist, schlecht und dumm sein soll, aber bei den Armen glänzt alles, und je tiefer man niedersteigt, desto mehr. Aber das ist nicht meine Ansicht, denn sie ist irrig, völlig falsch. In den höheren Ständen findet sich mancher ergreifende und schöne Zug. Meine Mutter hat mir einen erzählt und ich selbst könnte mehrere hinzufügen. Sie war zu Besuch in einem vornehmen Hause in der Stadt, meine Großmutter, glaube ich, hatte die gnädige Frau gesäugt und aufgezogen. Meine Mutter stand im Zimmer mit dem alten, hochadligen Herrn. Da sah er, wie unten zum Hofe hinein eine alte Frau auf Krücken gehumpelt kam. Jeden Sonntag kam sie und bekam ein paar Schillinge. "Da ist ja die arme Alte," sagte der Herr, "das Gehen fällt ihr so schwer!" Und ehe meine Mutter es sich versah, war er aus der Tür und die Treppen herunter, die siebzigjährige Exzellenz war selbst zu der armen Frau hinuntergegangen, um ihr den beschwerlichen Weg wegen des Schillings zu ersparen. Es ist ja nur ein geringer Zug, aber wie das Scherflein der Witwe hat er den Klang eines Herzens in sich, den Klang einer wahren Menschennatur. Darauf sollte der Dichter zeigen, gerade in unserer Zeit sollte er es besingen, denn es würde Gutes wirken, besänftigen und versöhnen. Wo jedoch ein Mensch, weil er von Geblüt ist und einen Stammbaum hat wie die arabischen Pferde, sich auf die Hinterbeine setzt und in den Straßen wiehert, und im Zimmer sagt: "Hier sind Leute von der Straße gewesen!" wenn ein Bürgerlicher drinnen gewesen ist, da ist der Adel in Verderb