Durch andere Länder wäre längst ein kollektiver Aufschrei gegangen. Nichts geht mehr in Japan: Die Industrieproduktion schrumpft, die Bürger kaufen weniger, ihre Aktien fallen und fallen, das Bruttoinlandsprodukt sinkt. Nur die Arbeitslosigkeit klettert von Rekordhoch zu Rekordhoch. Doch was tun die Japaner? Sie huldigen einem Regierungschef, der nach eigenem Zugeständnis ein Generalist ist und von Wirtschaft wenig versteht.
Manchmal ist die Ruhe im Inselreich gruselig: Wer in die Tokyoter Vorstadtbahn Chuo einsteigt und erlebt, wie der Bahnsprecher einen Zugunfall meldet, erkennt in den Gesichtern der Fahrgäste keine Veränderung. Dabei weiß jeder, dass wahrscheinlich gerade eine Leiche von den Schienen geborgen wird - so wie fast jeden Morgen. Düsterer Alltag in einer Nation, die ihre Krise nicht wahrhaben will.
Es sind die Medien, die die Problemverdrängung dirigieren. Über Glück und Unglück der Frühpensionierung titelt in dieser Woche Nippons führende Wochenzeitung Yomiuri Weekly - als ob sich dem massenhaften Stellenabbau japanischer Elektronikkonzerne etwas Gutes abgewinnen ließe: Der Computerriese Fujitsu streicht 16 400 Jobs, Hitachi 14 700, NEC 4000. Insgesamt 65 000 Stellen wurden allein in der Elektronikindustrie seit Monatsbeginn abgebaut, weitere werden folgen. Doch in Japan spricht niemand von Entlassungen.
So erfolgreich ist die Propaganda für eine Frühpensionierung, dass viele Angestellte den Stellenkillern freiwillig ins Messer laufen. Als die Supermarktkette Daiei kürzlich tausend Jobs abbauen wollte und eine Telefonnummer ausgab, bei der sich das Personal freiwillig melden konnte, waren die Stellen innerhalb von sechs Stunden frei. Ursprünglich sollte die Telefonaktion eine Woche dauern.
Laut- und klaglos verharren auch die japanischen Gewerkschaften. Da ihre branchenübergreifende Organisation schwach ist, konzentrieren sie sich in Krisenzeiten vorrangig auf Kompromisse im Betrieb. So aber sind alle veröffentlichten Restrukturierungspläne bereits mit den Arbeitnehmervertretern abgestimmt. Handfeste Kritik der Gewerkschaften ist dann nicht mehr zu erwarten.
"Obdachlosigkeit im Anzug"
Dem Einzelnen bleibt oft nichts anderes als die "Obdachlosigkeit im Anzug". Dieser neue soziale Terminus beschreibt das Schicksal zahlreicher Arbeitsloser, die zur Wahrung des sozialen Scheins gegenüber ihrer Familie, den Freunden und der Nachbarschaft jeden Morgen im Anzug in Richtung des alten Arbeitsplatzes aufbrechen - um dann den Tag in Bibliotheken, Arbeitsämtern oder Schwimmbädern zu verbringen. Die "Obdachlosigkeit im Anzug" aber ist neben der steigenden Selbstmordrate der deutlichste Beweis dafür, wie sich Lüge und Verzweiflung im Zuge der Wirtschaftskrise immer tiefer in eine Gesellschaft eingraben, die zur öffentlichen Selbstbesinnung bislang unfähig ist. Von den Tokyotern selbst wird die neue U-Bahnlinie TOEI Oedo-Line als die Arbeitslosenlinie bezeichnet, da diese im Kreis fährt.
Verantwortlich für das fehlende Krisenbewusstsein der Japaner sind unter anderem die regierenden Liberaldemokraten und ihre schon zehn Jahre währende, blauäugige Konjunkturpolitik. Sie beschert dem Land heute ein Staatsdefizit von mehr als 130 Prozent des Bruttoinlandsprodukts. Die Konjunkturmilliarden, die in den Bau von Brücken, Bahnen und anderen Großprojekten gesteckt wurden, täuschten der Bevölkerung vor, dass sich ihr Lebensstandard auch ohne den grundlegenden Wandel von der Industrie- zur Dienstleistungsgesellschaft bewahren ließe. Ein bitterer Irrtum.
Mindestens ebenso verantwortlich für die Krisenblindheit einer im Grunde ja demokratischen und pluralistischen Öffentlichkeit ist die notorische Unfähigkeit zur Selbstkritik. Dieser Mangel lässt sich durch das rigide Schulsystem, die kulturelle Tradition des Scham- anstelle des Schuldempfindens und vieles andere erklären. Die Folge: Lieber riskieren die Japaner eine große Krise, als dass sie die Fassade gesellschaftlicher Harmonie zerstörten.
Das Ausland täuscht sich diesmal nicht: Japan könnte "vor dem Beginn einer wirtschaftlichen und sozialen Katastrophe stehen", warnt die Financial Times. Der Grund zur Sorge ist die veränderte Weltwirtschaftslage. Bisher konnte sich Japan durch die Krise wursteln, ohne anderen Schaden zuzufügen. Solange die Konjunktur in den USA und Europa nicht lahmte, hielt das alte Gerüst der mit den japanischen Großbanken verflochtenen Exportwirtschaft - trotz einer immensen Überschuldung der Banken im Inland.
Nun aber könnten der simultane Wachstumsrückgang in Amerika und Europa und die damit einhergehenden Exportprobleme der japanischen Industrie das chronisch kranke Bankensystem des Landes mehr denn je gefährden. Bräche es zusammen - die Verbindlichkeiten japanischer Banken gegenüber ausländischen Anlegern wären groß genug, dass eine Finanzkrise Tokyos jederzeit auf den Rest der Welt übergreifen könnte.
In dieser Situation kommt es nun darauf an, was die japanische Regierung unternimmt. "Schmerzhafte Reformen" hat der seit April amtierende Premier Junichiro Koizumi versprochen und dafür Applaus von allen Seiten geerntet. Allerdings ist längst nicht klar, was die neue Regierung in Tokyo wirklich will.
Von einer Inflationspolitik zur Bekämpfung von Deflation und Konsumrückgang bis hin zu rigiden Sparmaßnahmen reichen die Meinungen im Kabinett. Die Politiker des Landes aber können in Ruhe weiter diskutieren, solange niemand im Zug aufschreit, wenn ein neuer Selbstmord die Fahrt verzögert. Japan braucht nicht zuletzt mehr Zivilcourage, um die wirtschaftliche Krise meistern zu können. Doch der Sinneswandel ist nicht in Sicht.