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Schönheit und Trauer

In Tokyo ist alles schöne Abbildung. Selbst Schleifen um Geschenkpakete sind nicht wirklich, sondern auf's Papier gedruckt. Was aber nicht schön ist, wird schneller als sonstwo in der Welt beiseite geräumt. Straßenmüll wird beseitigt im Augenblick seines Erscheinens. An zahlreichen Laternenpfählen hängen Besen und Kehrschaufel. Straßen und Subwaystationen in Tokyo, täglich von Millionen Menschen benutzt, sehen aus wie aus dem Ei gepellt. Keine Graffiti, keine einzige Kugelschreiberlinie, kein Filzstiftgekritzel an den Wänden der Untergrundbahn. Und auf den dunkelroten, Bezügen der Sitzbänke kein einziger Fleck.

Die Ästhetik der Sauberkeit kennt keine Grenzen. Vor dem Essen werden heiße Tücher zum Reinigen der Hände gereicht. Vor den Türen der Restaurants gibt es perfekte Plastikrekonstruktionen der Menüs, die drinnen serviert werden. 

Für den nächsten Benutzer der Toilette wird das Klopapier hübsch zum Dreieck gefaltet. Die Verpackungskunst der Japaner ist nur die berühmte Variante der Allgegenwart des Blicks. Alles wird als Bild wahrgenommen - vom Standpunkt des anderen. Tokyo ist die Antizipation des Blicks. An einem Bauzaun entschuldigt sich die Baufirma mit Abbildungen von Büschen und Bäumen für deren Fehlen - man sei gerade mit dem Umbau beschäftigt. Das Labyrinth der City macht es selbst Taxifahrern schwer, einen Bestimmungsort zu finden. Adressangaben sind notwendig mit einer kleinen Zeichnung versehen. Nichts geht ohne Abbild. Die Menschen zeigen sich so, wie sie glauben, daß andere sie gerne sehen, und bieten ein angenehmes Bild. In den Stadtteilen Shibuya und Shinjuku sind tausende junger Menschen auf der Straße, auf Plateausohlen und mit Handy ausgerüstet. Um für ebenso viele Augenpaare sichtbar zu sein? Hier gibt es haufenweise Bildautomaten, von denen man sein Konterfei ausdrucken lassen kann: in jeder Farbe, mit beliebigem Bildhintergrund und Text - die gelungensten Ergebnisse werden landesweit in einer Jugendzeitschrift veröffentlicht. In den Kaufhäusern stehen am Morgen die Verkäuferinnen in Paradestellung vor den Theken und begrüßen die Vorübergehenden, mit Verbeugung und freundlichem Lächeln. Auf den Straßen begegnen Gruppen von Männern und Frauen. Sie haben die Schuluniform gegen die Einheitstracht der Unternehmen ausgetauscht: dunkle Anzüge, dunkle Kostüme, weiße Hemden und Blusen. Das Bild erinnert an Konfirmanden oder an die herausgeputzten Bewerber um eine Arbeitsstelle - alle unterwegs zu einem permanenten Vorstellungsgespräch, alle auf der Bühne für den Blick des anderen. Natürlich funktioniert auch hier die Mode nicht anders als bei uns, aber dennoch ist die Blickrichtung eine andere. Es geht nicht um die Hervorhebung einer Individualität, sondern um das Wohlgefallen im Auge des anderen. In Japan sind Orangen, Melonen, Äpfel einzeln verpackt: immer gleich, aber jede für sich. Macht der einheitliche Rahmen sie ähnlicher - oder hebt er ihre Besonderheit hervor? In billigen Fernsehsendungen, den meisten, wird gelacht und gealbert als gäbe es nichts anderes auf der Welt als kicherndes Vergnügen. Man soll sehen, wie lustig das Leben ist. Zugleich ist überall die tödliche Gefahr sichtbar. In vielen Gebäuden liegen, Schutzhelme und Taschenlampen für den Fall aller Fälle bereit. An zahllosen Fenstern öffentlicher Gebäude machen rote, auf der Spitze stehende Dreiecke kenntlich, wo ein Notausstieg ist. Dort hängt eine Strickleiter, die man hinauswerfen kann, um an ihr hinunter zu klettern, wenn ein Erdbeben die Flucht erzwingt. Das Blaulicht der Polizei und der Rettungsfahrzeuge ist rot. Rot bedeutet, wie an der Ampel: Halt, und zwar für den, der es sieht. Das blitzende Rotlicht ist vom anderen her gesehen, während das Blaulicht bei uns, vom Fahrzeug her gedacht ist: Platz da, ICH komme.

Friedhöfe bestehend über quadratischen Erdlöchern, kostbare Steinquader zu pyramidenähnlichen Grabstelen getürmt, kein Rasen, kein Grün, nirgends. Auch die Wege sind gepflastert. Das Jenseitige ist im Stein gebunkert. Und all das, was wie Müll daran erinnern könnte, gibt es nicht. An Straßenbegrenzungen wie Zäunen, sind leere Getränkedosen zu sehen, sorgfältig und geschickt mit Draht befestigt und mit etwas Wasser gefüllt - selbstgebastelte öffentliche Aschenbecher. Und sie werden genutzt. Von was sollen wir absehen, wenn wir die Schönheit der Fassaden und Verpackungen, das Lächeln und die vielen Bilder sehen? Was verbirgt die Ästhetik der Sushis? In den Kriminalstatistiken gilt die Stadt Tokyo als die sicherste der Welt. Aber nirgendwo auf der Welt herscht so eine atemberaubende Eile, wie in Tokyo.

Die Antizipation des Blicks. Tokyo 1999 Richard Schindler (Auszug)


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